„Das Seyn war das Erste, Daseyn, Seyn für Andres , Seyn mit Negation war das zweite. Das dritte Fürsichseyn, einfache Beziehung auf sich durch Negation des Andern, des Daseyns[.] Wir haben hier Idealität, im Daseyn Realität; Idealität ist, daß das Endliche nur gesetzt ist als aufgehoben, die Idealität ist nichts Andres als dieses, daß alles Endliche kein wahrhaftes Seyn hat, sondern daß Seyn ein Aufgehobenes ist, ein negatives. Das Seyn ist nur Moment von einem, das Wahrheit ist. Idealität nimmt man dann im Sinne des subjektiven Idealismus, daß Alles nur meine Vorstellung ist, darin ist die eigne Selbstständigkeit der Dinge aufgehoben, indem ich die Dinge weiß, so sind sie aufgehoben; das ist diese formelle Idealität; der subjektive Idealismus ist triviale Abstraktion denn es kommt auf Inhalt an , wie er beschaffen ist, ich bin darin auch ein sehr Endliches, mein Vorstellen hat keine wahrhafte Realität; im Begreifen ist meine Subjektivität selbst überwunden, denn wenn ich etwas begreife , so bin ich in der Sache. Jede wahrhafte Philosophie ist Idealismus d. h. Idealität des Endlichen.“ (Vorlesungen über die Wissenschaft der Logik II, GW 23,2, S. 737)
„Der Satz, daß das Endliche ideell ist, macht den Idealismus aus. Der Idealismus der Philosophie besteht in nichts anderem als darin, das Endliche nicht als ein wahrhaft Seiendes anzuerkennen. Jede Philosophie ist wesentlich Idealismus oder hat denselben wenigstens zu ihrem Prinzip“ (Wissenschaft der Logik. Erster Band. Die Lehre vom Sein (1832), GW 21, S. 142).
Im alltäglichen Sprachgebrauch hat „Idealismus“ zwei Bedeutungen, die beide nicht gemeint sind: Entweder meint man (moralisch) jemanden, der hohen Idealen folgt, oder man meint (abwertend) jemanden, der die Realität leugnet. Hegels philosophischer Idealismus hat mit beidem nichts zu tun.
Die Kernaussage steht im zweiten Zitat: „Der Satz, daß das Endliche ideell ist, macht den Idealismus aus.“ Um ihn zu verstehen, sind zwei Ausdrücke zu klären — „das Endliche“ und „ideell“.
1. Was ist „das Endliche“?
„Das Endliche“ ist alles, was uns in der Welt begegnet, wenn wir es isoliert betrachten.
- Ein Stuhl, ein Stein, ein Planet.
- Ein einzelner Gedanke, ein Gefühl, eine Laune.
- Eine einzelne Person, ein einzelnes Gesetz, ein isoliertes Ereignis.
All diese Dinge existieren, aber sie sind „endlich“. Das heißt: Sie sind nicht aus sich selbst heraus. Sie sind abhängig, begrenzt und unvollständig. Sie haben ihre Ursache und ihren Sinn nicht in sich selbst.
2. Was ist „ideell“?
„Ideell“ ist das Gegenteil von „selbständig real“. Wenn es heißt, das Endliche sei ideell, so ist gemeint: Diese isolierten, endlichen Dinge — der Stuhl, der Gedanke, das Gesetz — haben kein wahrhaftes Sein.
Ihre Wahrheit oder ihre Wirklichkeit liegt nicht in ihrer Isolation. Sie sind aufgehoben (siehe Glossar): nur ein Moment — ein unselbständiger, aber notwendiger Teil — eines Größeren, eines Ganzen, das allein wahrhaft real ist.
Eine Analogie. Man betrachte einen einzelnen Pinselstrich in Rembrandts „Nachtwache“.
- Dieser Pinselstrich ist „das Endliche“. Er existiert.
- Aber ist er wahrhaft seiend? Nein. Seine ganze Wahrheit, sein Sinn und seine Realität bestehen nur als Moment des gesamten Gemäldes.
- Isoliert man den Pinselstrich, schneidet ihn aus, so verliert er seinen Sinn und seine Wirklichkeit. Er ist ideell.
Eine zweite Analogie: der „ideelle Wert“. Ein alltägliches Beispiel, das diesen Sprachgebrauch plausibel macht, ist der ideelle Wert eines Gegenstandes — im Gegensatz zu seinem bloßen materiellen Wert. Man denke an einen alten, abgenutzten Ehering.
- Sein materieller Wert (das Gold) ist „endlich“ — isoliert betrachtet ist er fast nichts (a).
- Sein ideeller Wert (die Erinnerung, die Ehe) ist jedoch unermeßlich (b).
Was hier „ideell“ heißt, ist genau das Gemeinte: Der Ring hat sein wahres Sein nicht in sich als endliches Ding, sondern nur als Moment eines Ganzen — der gelebten Beziehung, der Idee. Sein reales Sein als Ding ist aufgehoben in seiner ideellen Bedeutung. Das Ding aus Metall (a) ist, obwohl es real existiert, in Wahrheit ideell: Seine Realität (a) ist aufgehoben in seiner Wahrheit (b).
3. Was Idealismus nicht ist
Das häufigste Mißverständnis. Wie schon das erste Zitat aus der Logik-Vorlesung zeigt, verwechselt Hegel seinen Idealismus — den absoluten — nie mit dem subjektiven.
- Subjektiver Idealismus ist die für Hegel triviale Ansicht, daß „Alles nur meine Vorstellung ist“ — daß die Welt im Kopf des Einzelnen sei.
- Dagegen hält er: Das Ich, das subjektive Vorstellen, ist ebenso endlich wie der Stuhl, den es vorstellt. Auch das Ich ist nur ein Moment des Ganzen.
4. Was ist absoluter Idealismus?
Der absolute Idealismus ist die Einsicht, daß das einzige, was wahrhaft seiend — nicht endlich, nicht ideell — ist, das Ganze selbst ist: die Vernunft, der Begriff, die Idee, der Geist. Es ist die Position, daß die logische Struktur der Vernunft und die Tiefenstruktur der Wirklichkeit dieselbe ist.
Für die Lektüre der Grundlinien heißt das:
- Das abstrakte Recht (Eigentum) ist endlich. Es ist ideell.
- Die Moralität (das Gewissen) ist endlich. Sie ist ideell.
- Wahrhaft seiend sind beide nur als aufgehobene Momente in der Sittlichkeit — Familie, Gesellschaft, Staat —, welche die konkrete Idee der Freiheit ist.
