Warum sind Hegelsche Texte so schwer zu lesen?

Kurz: Aus vier Gründen, und nur einer davon ist Hegel anzulasten. Der Inhalt besteht aus Begriffen statt aus Vorstellungen. Die Sätze arbeiten anders als gewöhnliche Sätze. Die Texte sind für Fachgenossen geschrieben, nicht für Anfänger. Und sie sind unfertig geblieben.

1. Der Inhalt: Begriffe statt Vorstellungen

Gewöhnlich denkt man in Bildern, Beispielen und Gefühlen. Wer „Freiheit“ hört, stellt sich einen Menschen vor, der Fesseln abstreift. Hegels Philosophie verlangt etwas anderes: nicht zu fragen, wie Freiheit sich anfühlt, sondern was ihre logische Struktur ist. Sie hat es dabei nicht mit einem entlegenen Gegenstand zu tun, sondern mit dem Denken selbst – man soll gewissermaßen das Wasser denken, in dem man als Denkender schwimmt.

Hegel hat diese Schwierigkeit selbst beschrieben, und zwar genauer als die meisten seiner Kritiker:

„[Es] kann im allgemeinen gesagt werden, daß die Philosophie Gedanken, Kategorien, aber näher [noch] Begriffe an die Stelle der Vorstellungen setzt. […] Eine Seite dessen, was man die Unverständlichkeit der Philosophie nennt, bezieht sich hierauf. Die Schwierigkeit liegt einesteils in einer Unfähigkeit, die an sich nur Ungewohntheit ist, abstrakt zu denken, d. h. reine Gedanken festzuhalten und in ihnen sich zu bewegen. […] – Der andere Teil der Unverständlichkeit ist die Ungeduld, das in der Weise der Vorstellung vor sich haben zu wollen, was [nur] als Gedanke und Begriff im Bewußtsein ist. […] es ist dem Bewußtsein, als ob ihm [zusammen] mit […] der Vorstellung [auch] der Boden entzogen wäre, auf welchem es sonst seinen festen und heimischen Stand hat. Wenn es sich in die reine Region der Begriffe versetzt findet, weiß [das Bewußtsein] nicht, wo es in der Welt ist.“

Einleitung in die Enzyklopädie

Das Gefühl, dem der Boden entzogen sei, ist also kein Versagen des Lesers. Es ist die zutreffende Wahrnehmung dessen, was gerade geschieht.

2. Der Satzbau: der spekulative Satz

Der zweite Grund betrifft nicht das Was, sondern das Wie. Ein gewöhnlicher Satz ist statisch: „Der Himmel ist blau.“ Man nimmt die Information auf und geht weiter. Ein philosophischer Satz im Sinne Hegels ist kein Behälter für eine Information, sondern der Vollzug einer Bewegung. Wenn es heißt „das Sein ist das Nichts“, erwartet der Verstand eine Zuordnung nach dem Muster A = B. Verlangt ist aber, mitzudenken, wie das Sein – rein und ohne jede Bestimmung genommen – in das Nichts umschlägt.

Auch das hat Hegel selbst analysiert, in der Vorrede der Phänomenologie:

„Das vorstellende Denken, da seine Natur ist, an den Akzidenzen oder Prädikaten fortzulaufen, […] wird, indem das, was im Satze die Form eines Prädikats hat, die Substanz selbst ist, in seinem Fortlaufen gehemmt. Es erleidet, [um] es so vorzustellen, einen Gegenstoß. […] Auf diesem ungewohnten Hemmen beruhen großenteils die Klagen über die Unverständlichkeit philosophischer Schriften […]. Wir sehen in dem Gesagten den Grund des ganz bestimmten Vorwurfs, der ihnen oft gemacht wird, daß mehreres erst wiederholt gelesen werden müsse, ehe es verstanden werden könne […]. Der philosophische Satz, weil er Satz ist, erweckt die Meinung des gewöhnlichen Verhältnisses des Subjekts und Prädikats und des gewohnten Verhaltens des Wissens. Dies Verhalten und die Meinung desselben zerstört sein philosophischer Inhalt; die Meinung erfährt, daß es anders gemeint ist, als sie meinte, und diese Korrektion seiner Meinung nötigt das Wissen, auf den Satz zurückzukommen und ihn nun anders zu fassen.“

Phänomenologie des Geistes, Vorrede

Damit ist der häufigste Vorwurf – man müsse alles zweimal lesen – nicht bestritten, sondern erklärt und für notwendig erklärt. Der Rückgang auf den Satz ist keine Nachlässigkeit des Lesers, sondern das, was der Satz von ihm verlangt: ihn als Prozess zu fassen und nicht als Aussage.

3. Der Adressat: geschrieben für Fachgenossen

Hegels Bücher sind keine Einführungen. Sie sind ein rücksichtsloser Dialog mit dem Forschungsstand ihrer Zeit – und der war außerordentlich hoch. Vorausgesetzt ist ein Leser, der Kant, Fichte und Schelling so gut kennt wie der Verfasser. Argumentiert wird oft gegen sie, ohne dass sie beim Namen genannt werden. Wer diesen Kontext nicht kennt, hört nur die eine Hälfte eines Gesprächs.

Insofern war und ist Hegel ein Philosoph für Philosophen – sozusagen das Backoffice. Diese Ausgabe versucht, die andere Hälfte des Gesprächs mitzuliefern: durch die Anmerkungen, die Vorlesungsnachschriften und die Verweise auf die Gegner, gegen die ein Satz geschrieben ist.

4. Der Abbruch: ein zu früher Tod

Hegel starb 1831 in Berlin, mit einundsechzig Jahren, während einer Cholera-Epidemie, vorerkrankt. Viele Klärungen und Erläuterungen, die nötig gewesen wären, hat er nicht mehr vornehmen können. Die zweite Auflage der Wissenschaft der Logik hatte er gerade begonnen; das ganze zweite Buch blieb in der Fassung von 1813 stehen. Was heute an Erläuterung vorliegt, stammt zu einem großen Teil nicht von ihm, sondern aus den Nachschriften seiner Hörer und aus den Zusätzen seiner Herausgeber – mit allen Folgen, die das hat (siehe Stammt dieser Satz überhaupt von Hegel?).

5. Und schließlich

Schriftzug: It’s ok

Es ist in Ordnung, einen Satz nicht beim ersten Mal zu verstehen. Nach Hegels eigener Auskunft ist es sogar der Normalfall. Praktische Hilfe dazu: Ich verstehe jeden Satz, aber nicht den Gedanken und Muss ich alles verstanden haben?

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