322

Die Individualität, als ausschließendes Für-sich-sein, erscheint als Verhältnis zu anderen Staaten, deren jeder selbstständig gegen die anderen ist. Indem in dieser Selbstständigkeit das Für-sich-Sein des wirklichen Geistes sein Dasein hat, ist sie die erste Freiheit und die höchste Ehre eines Volkes.

Diejenigen, welche von Wünschen einer Gesamtheit, die einen mehr oder weniger selbstständigen Staat ausmacht und ein eigenes Zentrum hat, sprechen – von Wünschen, diesen Mittelpunkt und seine Selbstständigkeit zu verlieren, um mit einem anderen ein Ganzes auszumachen -, wissen wenig von der Natur einer Gesamtheit und dem Selbstgefühl, das ein Volk in seiner Unabhängigkeit hat. – Die erste Gewalt, in welcher Staaten geschichtlich auftreten, ist daher diese Selbstständigkeit überhaupt, wenn sie auch ganz abstrakt ist und keine weitere innere Entwicklung hat; es gehört deswegen zu dieser ursprünglichen Erscheinung, dass ein Individuum an ihrer Spitze steht, Patriarch, Stammeshaupt usf.

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3 Kommentare zu „322“

  1. Avatar von Hegel (Enzyklopädie 1817)
    Hegel (Enzyklopädie 1817)

    Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaften im Grundrisse (1817), §§ 442, 443:

    § 442. Der sittliche Geist ist selbst 1) ein einzelner, der in einem besonders bestimmten Volke seine Wirklichkeit hat. Als solches Daseyn stellt seine Totalität die unmittelbare Natürlichkeit her, – die geographische und klimatische Bestimmtheit; vornemlich ist er auch in einer besondern Entwicklungs-Stuffe seines geistigen Lebens, und nur in dieser begreift, erfaßt und verfaßt er sich.

    § 443. 2) Als solches einzelnes Individuum ist er ausschliessend gegen andere eben solche Individuen. In ihrem Verhältnisse zu einander hat die Willkühr und Zufälligkeit Statt, weil das Allgemeine um der avtonomischen Selbstständigkeit dieser Personen willen, die in sich reelle Totalität sind, und kein Bedürfniß weiter haben, nur seyn soll, nicht wirklich ist.

  2. Avatar von Die logische Entwicklung
    Die logische Entwicklung

    Ausschließendes Für-sich-Sein erscheint als Verhältnis — die Selbständigkeit des Staates hat ihr Dasein erst am Gegenüber anderer selbständiger Staaten.

    Hier wird sichtbar, dass Ausschließen kein Rückzug ist, sondern selbst ein Verhältnis stiftet. Was sich von allem anderen abgrenzt, ist eben dadurch auf anderes bezogen; die Selbständigkeit eines Staates hat deshalb nur Dasein, sofern ihr andere ebenso selbständige Staaten gegenüberstehen, die ihn als solchen ausschließen. Erst in dieser Beziehung ist das Für-sich-Sein nicht bloß gedacht, sondern vorhanden — darum nennt Hegel die Unabhängigkeit die erste Freiheit und die höchste Ehre eines Volkes: die erste, weil ohne sie keine innere Entwicklung eine eigene wäre, und historisch tritt sie auch zuerst auf, noch ganz abstrakt und ohne innere Gliederung.

  3. Avatar von Hegel (einfach)
    Hegel (einfach)

    § 322: Selbständigkeit als höchste Ehre eines Volkes

    Worum es geht: Was heißt es für ein Volk, ein eigener Staat zu sein? Wir sagen einen starken Satz: Darin liegt seine erste Freiheit und seine höchste Ehre. Und wir wenden uns gegen die, die meinen, ein Volk könne wünschen, seine Selbständigkeit aufzugeben.

    Die Individualität, als ausschließendes Für-sich-Sein, erscheint als Verhältnis zu anderen Staaten, deren jeder selbständig gegen die anderen ist.

    Indem in dieser Selbständigkeit das Für-sich-Sein des wirklichen Geistes sein Dasein hat, ist sie die erste Freiheit und die höchste Ehre eines Volkes.

    Wichtige Anmerkung: Manche sprechen von Wünschen einer Gesamtheit, die einen mehr oder weniger selbständigen Staat ausmacht und ein eigenes Zentrum hat — Wünschen nämlich, diesen Mittelpunkt und seine Selbständigkeit zu verlieren, um mit einem anderen ein Ganzes auszumachen. Wer so spricht, weiß wenig von der Natur einer Gesamtheit und von dem Selbstgefühl, das ein Volk in seiner Unabhängigkeit hat.

    Die erste Gewalt, in der Staaten geschichtlich auftreten, ist daher diese Selbständigkeit überhaupt — auch wenn sie ganz abstrakt ist und keine weitere innere Entwicklung hat. Es gehört deswegen zu dieser ursprünglichen Erscheinung, dass ein Individuum an ihrer Spitze steht: Patriarch, Stammeshaupt und dergleichen.

    Zusammenfassung: Die Selbständigkeit ist die erste Gewalt, in der Staaten geschichtlich auftreten — auch wenn sie da noch ganz abstrakt ist —, und sie ist die erste Freiheit und die höchste Ehre eines Volkes. Der nächste Paragraph zeigt die Kehrseite: dass diese Beziehung als etwas von außen Kommendes erscheint.

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