War Hegel Rassist?

Diese Frage muss mit einem emphatischen „Eigentlich nicht, aber…“ beantwortet werden.

Nein, im Sinne eines philosophisch gestützten „essenzialistischen Rassismus“, der bestimmte Völker („Rassen“) als solche als theoretisch zwingend biologisch unterlegen definiert. Als müsste es nach Hegels Philosophie menschliche Rassen geben, welche zudem durch eine biologisch determinierte Hierarchie geordnet wären. Das Grundprinzip Hegels gesamter Philosophie ist das genaue Gegenteil: Der Geist ist universell, und sein Wesen ist die Freiheit. Jede Bestimmung ist nur eine Stufe in einem Prozess der Entwicklung der Freiheit, des Geistes.

Persönlich war Hegel ohnehin als durchaus „inklusive“ Persönlichkeit bekannt (bzgl. seiner jüdischen Bekannten etc.); seine persönliche Ablehnung galt im Wesentlichen seinen oft und gerne als „seicht“ etc. beschimpften intellektuellen Gegnern.

Aber: In seinen Werken, insbesondere in den Vorlesungen über die Philosophie der Weltgeschichte und der Enzyklopädie, finden sich Passagen (insbesondere über Afrika), die nach heutigen Maßstäben nicht nur als problematisch, sondern als objektiv rassistisch und unhaltbar gelten müssen.

Die Ursache für diesen Widerspruch liegt nicht in Hegels Persönlichkeit und nicht im philosophischen Prinzip, sondern in dessen verfehlter Anwendung durch Hegel selbst, welche durchaus auch einem verfehlten Anspruch auf systematische Vollständigkeit geschuldet sein mag.

1. Das Problem: Der „Begriff“ und die „Empirie“

Hegels Philosophie ist eine Philosophie der Entwicklung und des Geistes. Sie entwickelt die notwendigen Stufen des Geistes aus dem philosophischen Begriff.

Die Hegelsche Philosophie muss aber, um Wirklichkeit zu erfassen, diese logischen Stufen als Gestalten in der empirischen Welt wiederfinden. Der Philosoph muss „sich in der Sprache und den Vorstellungen umschauen“, wo der Begriff „Gestalt“ angenommen hat.

Genau hier lag Hegels fataler Fehler.

2. Der Fehler: Die „vorschnelle“ Zuordnung

Die empirische Basis seiner Zeit bezüglich fremder Kulturen war katastrophal. Hegels Wissen über Afrika oder indigene Völker Amerikas stammte aus den „Vorstellungen“, den Berichten, von Missionaren und Entdeckern, die selbst von tiefsten Vorurteilen geprägt waren.

  • Hegel hat diese zutiefst mangelhafte, rassistische Empirie unvorsichtig für die Wirklichkeit der Sache selbst genommen.
  • Hegel hat „vorschnell“ und insofern unwissenschaftlich eine logische Stufe der Entwicklung (z.B. den „Geist in seiner unmittelbaren Natürlichkeit“) auf einen ganzen Kontinent (Afrika) projiziert.
  • Damit hat Hegel – gegen sein eigenes Prinzip – diese Völker aus der Dialektik der Weltgeschichte ausgeschlossen und sie zu einem „An sich“ ohne „Für sich“ degradiert.

Wenn Hegel mehr Empirie zu z.B. den Menschen im subsaharischen Afrika gehabt hätte und auf der anderen Seite etwa von der Existenz z.B. der Neanderthaler gewusst hätte, hätte er – so ist zu hoffen – ohne Weiteres das „nichtdenkende Denken“ letzteren, oder anderen Frühmenschen, die auf einer unentwickelteren Stufe gestanden haben, zugeordnet. Hätte Hegel eine bessere Empirie gehabt, wäre die Zuordnung des philosophisch zwingenden Begriffs (dass es – qua Entwicklung – eine bestimmte Gestalt des Denkens gegeben haben muss, die noch kein vollständiges Denken war) anders ausgefallen.

So aber hat Hegel die mangelnde vorhandene Empirie zu vorschnellen Fehlschlüssen verleitet, die er hätte vermeiden müssen. Wissenschaftlich wäre es ehrlicher gewesen, wenn Hegel gesagt hätte: Hier fehlt mir die Erfahrung, bzw. hier ist die empirische Wissenschaft noch nicht weit genug entwickelt. Durch dieses Vorgehen hat Hegel gleichzeitig eine strukturelle Schwäche seiner Philosophie insgesamt offenbart.

3. Was das für die Lektüre der Grundlinien bedeutet

Es wäre aber ein großer Fehler, das gesamte System mit dem Label des Rassismus zu verwerfen. Warum?

  1. Die Grundlinien sind universalistisch: Das Werk basiert auf dem Abstrakten Recht, das jedem Menschen den Status der Person zuspricht. Die zentrale Forderung lautet: „sei eine Person und respektiere die anderen als Personen“. Dies ist das Gegenteil von Rassismus.
  2. Die Methode ist das Werkzeug der Kritik: Die Dialektik, die Entfaltung des Begriffs, und die Lehre von der Anerkennung sind die besten Werkzeuge, die wir heute haben, um jede Form von Essentialismus und regressiven Kräften zu kritisieren. Die Phänomenologie zeigt, dass der Herr, der den ehemaligen Knecht nicht anerkennt, selbst unfrei bleibt.
  3. Die Kritik an Hegel muss mit Hegel erfolgen: Wir müssen heute Hegels eigene Methode (die dialektische Kritik) auf seine eigenen Vorurteile anwenden. Wir müssen die fehlerhafte Anwendung des Begriffs durch den Philosophen von der Universalität des Begriffs (der Freiheit) selbst trennen.

Fazit: Hegels Texte sind (leider) auch ein Dokument der Grenzen des bürgerlichen Bewusstseins des frühen 19. Jahrhunderts. Aber die Wahrheit seiner Philosophie – die Lehre, dass der Geist nur frei ist, indem er sich im Anderen anerkennt – ist die schärfste Waffe gegen diese Grenzen.

-> to the English translation