Kurz: Ernster, als der Vorwurf unterstellt. Die Erfahrung steht bei Hegel am Anfang, und die Philosophie entstünde ohne sie überhaupt nicht – er sagt das mehrfach und ohne Vorbehalt. Was er bestreitet, ist nicht die Erfahrung, sondern die Annahme, sie genüge sich selbst. Sein schärfster Satz gilt denn auch nicht der Empirie, sondern dem Empirismus, der seine eigene Metaphysik nicht bemerkt.
„Die Philosophie bedarf wesentlich der Erfahrung, damit sie sei“
Der Satz stammt nicht aus einem Zugeständnis im Nebensatz, sondern aus der Vorlesung selbst. In der Nachschrift Pinder (1825/26) antwortet Hegel auf genau diesen Vorwurf:
Man wirft der Philosophie vor, als thäte sie sich dick damit, die Erfahrung nicht nöthig zu haben. Die Philosophie geht von Begriffen aus, aber nicht so dass sie des Wahrnehmbaren nicht bedürfe. – Die Philosophie bedarf wesentlich der Erfahrung, damit sie sei. Der Gedanke selbst ist wesentlich Resultat.
Vorlesung über die Philosophie der Natur, Nachschrift Pinder 1825/26
Und weil das nach einer Verlegenheit klingen könnte, setzt er hinzu, dass „Resultat sein“ und „selbständig sein“ keine Gegensätze sind: Jeder Erzogene ist ein Resultat seiner Zeit und seines Volkes, und seine Bildung besteht gerade darin, „dass er Selbständig geworden, sein Werden aufgehoben hat“. Dasselbe gilt für die Wissenschaft:
auch die Naturphilosophie ist geworden, indes sie von der Physik ausging. Keine jetzige Naturphilosophie hätte existiren können ohne Physik.
Nachschrift Pinder 1825/26
Im gedruckten Text der Enzyklopädie steht derselbe Gedanke in der strengeren Form:
Nicht nur muss die Philosophie mit der Naturerfahrung übereinstimmend sein, sondern die Entstehung und Bildung der philosophischen Wissenschaft hat die empirische Physik zur Voraussetzung und Bedingung.
Enzyklopädie (1830), § 246 Anm.
Der Nachsatz ist es, an dem sich die Geister scheiden: „Ein anderes aber ist der Gang des Entstehens und die Vorarbeiten einer Wissenschaft, ein anderes die Wissenschaft selbst.“ Die Erfahrung ist Bedingung des Entstehens, nicht Beweisgrund im Vortrag. Wer darin einen Rechentrick sieht, hat einen Einwand; wer darin den Unterschied von Entdeckungs- und Begründungszusammenhang wiedererkennt, hat einen Bekannten.
Das große Prinzip des Empirismus
Bevor Hegel widerspricht, räumt er dem Empirismus zwei Dinge ein, und zwar in einer Emphase, die man bei ihm selten findet:
Es liegt im Empirismus dies große Prinzip, dass, was wahr ist, in der Wirklichkeit sein und für die Wahrnehmung da sein muss. Dies Prinzip ist dem Sollen entgegengesetzt, womit die Reflexion sich aufbläht und gegen die Wirklichkeit und Gegenwart mit einem Jenseits verächtlich tut, welches nur in dem subjektiven Verstande seinen Sitz und Dasein haben soll. Wie der Empirismus, erkennt auch die Philosophie nur das, was ist; sie weiß nicht solches, was nur sein soll und somit nicht da ist. – Nach der subjektiven Seite ist ebenso das wichtige Prinzip der Freiheit anzuerkennen, welches im Empirismus liegt, dass nämlich der Mensch, was er in seinem Wissen gelten lassen soll, selbst sehen, sich selbst darin präsent wissen soll.
Enzyklopädie (1830), § 38 Anm.
Beides ist mehr als Höflichkeit. Der erste Satz ist derselbe, mit dem die Vorrede der Grundlinien gegen die Weltverbesserer aus bloßem Sollen argumentiert; der zweite ist das Recht des subjektiven Willens, nur gelten zu lassen, was man einsieht – in der Rechtsphilosophie § 132. Der Empirist und Hegel stehen hier auf derselben Seite.
Die Grundtäuschung
Der Widerspruch folgt unmittelbar danach, im selben Paragraphen, und er betrifft nicht das Beobachten, sondern das Selbstbild:
Die Grundtäuschung im wissenschaftlichen Empirismus ist immer diese, dass er die metaphysischen Kategorien von Materie, Kraft, ohnehin von Einem, Vielem, Allgemeinheit, auch Unendlichem usf. gebraucht, ferner am Faden solcher Kategorien weiter fortschließt, dabei die Formen des Schließens voraussetzt und anwendet und bei allem nicht weiß, dass er so selbst Metaphysik enthält und treibt und jene Kategorien und deren Verbindungen auf eine völlig unkritische und bewusstlose Weise gebraucht.
Enzyklopädie (1830), § 38 Anm.
In der Vorlesung wird er konkret und nennt die Adressaten:
Newton sagt: Physik hüte dich vor Metaphysik. Die Franzosen sagen, wenn sie bei manchen Bestimmungen ankommen: mais c’est la métaphysique. Aber der Mensch ist ein für allemal denkend; und bestimmtes Denken sind Kategorien, Metaphysik.
Nachschrift Pinder 1825/26
Sein Beispiel dafür ist unscheinbar und deshalb gut. Eine Blume hat Farbe; die Farbe drückt man als Färbestoff aus, den Geruch als ätherisches Öl – und schon ist aus einer Eigenschaft ein Bestandteil geworden. „Aus solchen besteht die Blume. Dies Bestehen ist sehr unscheinbare Kategorie, und doch ist die Blume Eine Lebendigkeit, und somit heben wir alle Trennungen auf.“ Im Zusatz zu § 246 steht dazu der Satz, den Goethe geschrieben haben könnte und fast geschrieben hat: „bringen wir aber auch alle jene Ingredienzien der Blume zusammen, so kommt doch keine Blume heraus.“
„Alle Menschen sind sterblich“
Am schärfsten trifft Hegel den Empirismus dort, wo dieser sich am sichersten fühlt: bei der Allgemeinheit des Erfahrungssatzes.
Wenn ein physikalisches Gesetz auf Erfahrung beruht und doch allgemein sein soll, liegt darin, dass dies von allen Fällen beobachtet worden. Das versteht sich aber, dass man nicht alle Fälle beobachtet hat. Alle Menschen sind sterblich. Man hat aber nicht alle Menschen beobachtet. Auch die jetzt noch lebenden sind unter allen Menschen enthalten, auch die zukünftigen. Doch spricht man die Allgemeinheit der Erfahrung aus. Es ist Analogie gebraucht oder der tiefe Begriff ist darin wirkend. Dass alle Menschen sterblich sind, liegt am Begriff des Individuums.
Nachschrift Pinder 1825/26
Das ist das Induktionsproblem, achtzehn Jahre vor Mills System of Logic und in drei Sätzen. Hegels Folgerung ist nicht, dass die Erfahrung nichts tauge, sondern dass in dem, was als bloße Erfahrung auftritt, bereits ein Begriff arbeitet. Die „empirische Allgemeinheit“, sagt er, „ist eigentlich die Allheit“ – und Allheit ist etwas anderes als Allgemeinheit.
Physik und Naturphilosophie unterscheiden sich nicht wie Wahrnehmen und Denken
Daraus folgt die Bestimmung des Verhältnisses, und sie fällt anders aus, als das Klischee erwartet:
Die Physik und Naturgeschichte heißen zunächst empirische Wissenschaften und geben sich dafür, ganz der Wahrnehmung und Erfahrung anzugehören … In der Tat aber ist das erste, was gegen die empirische Physik zu zeigen ist, dieses, dass in ihr viel mehr Gedanke ist, als sie zugibt und weiß, dass sie besser ist, als sie meint, oder, wenn etwa gar das Denken in der Physik für etwas Schlimmes gelten sollte, dass sie schlimmer ist, als sie meint. Physik und Naturphilosophie unterscheiden sich also nicht wie Wahrnehmen und Denken voneinander, sondern nur durch die Art und Weise des Denkens; sie sind beide denkende Erkenntnis der Natur.
Enzyklopädie (1830), § 246 Zusatz
Der gedruckte Paragraph sagt dasselbe nüchtern: Was Physik heißt, sei „gleichfalls theoretische, und zwar denkende Betrachtung der Natur“, gerichtet auf Kräfte, Gesetze, Gattungen – die Naturphilosophie habe „dasselbe Allgemeine, aber für sich zum Gegenstand“. Der Unterschied liegt nicht im Stoff und nicht in der Haltung zur Beobachtung, sondern darin, ob die benutzten Kategorien selbst geprüft werden.
Der Preis des Denkens
Die ehrlichste Stelle des ganzen Komplexes ist die, an der Hegel den Verlust benennt, den das Begreifen mit sich bringt. Zunächst die untere Grenze:
Wenn die Physik indessen nur auf Wahrnehmungen beruhte und die Wahrnehmungen nichts wären als das Zeugnis der Sinne, so bestände das physikalische Tun nur im Sehen, Hören, Riechen usw., und die Tiere wären auf diese Weise auch Physiker.
Enzyklopädie (1830), § 246 Zusatz
Und dann der Preis:
Je mehr des Denkens in der Vorstellung wird, desto mehr verschwindet von der Natürlichkeit, Einzelnheit und Unmittelbarkeit der Dinge: durch den sich eindrängenden Gedanken verarmt der Reichtum der unendlich vielgestalteten Natur, ihre Frühlinge ersterben, ihre Farbenspiele erblassen. Was in der Natur von Leben rauscht, verstummt in der Stille des Gedankens; ihre warme Fülle, die in tausendfältig anziehenden Wundern sich gestaltet, verdorrt in trockene Formen und zu gestaltlosen Allgemeinheiten, die einem trüben nördlichen Nebel gleichen.
Enzyklopädie (1830), § 246 Zusatz
Der Widerspruch, den er daran aufzeigt, ist das eigentliche Thema: Wir wollen die Natur erkennen, „die wirklich ist, nicht etwas, das nicht ist“ – und indem wir sie denken, machen wir sie allgemein; „die Dinge sind aber einzelne, und der Löwe überhaupt existiert nicht“. Wer behauptet, Hegel habe das Verhältnis von Begriff und Erfahrung leichtgenommen, muss diese Seite erst einmal lesen.
Die Grenze, die Hegel sich selbst zieht
Von der Naturphilosophie wird nicht verlangt, die Befunde zu ersetzen. In der Anmerkung zu § 250 nennt Hegel es ausdrücklich „das Ungehörigste, von dem Begriffe zu verlangen, er solle dergleichen Zufälligkeiten begreifen und, wie es genannt worden, konstruieren, deduzieren“. Der Philosoph, der dem Physiker seine Messwerte vorschreiben will, hat Hegel gegen sich.
Gegen Hegel selbst kehrt sich der Maßstab dort, wo seine Naturphilosophie mit der Empirie ihrer Zeit veraltet ist – am deutlichsten in § 249 Anm., wo er nicht nur offenlässt, ob die Stufenfolge der Natur eine Geschichte in der Zeit sei, sondern es bestreitet. Die Zurückhaltung wäre konsequent gewesen; der Zusatz war es nicht. Wer Hegel mit Hegel prüft, findet hier die Bruchstelle: eine Philosophie, die die empirische Wissenschaft zur Bedingung ihres Entstehens erklärt, altert mit ihr. Ausführlich dazu Ist Hegels Naturphilosophie die Achillesferse des Systems?
Und in der Rechtsphilosophie?
Dasselbe Verhältnis, nur an einem Stoff, den jeder Leser kennt. § 1 Anm. unterscheidet das dem Begriff Entsprechende von dem, was bloß da ist – „vorübergehendes Dasein, äußerliche Zufälligkeit, Meinung, wesenlose Erscheinung, Unwahrheit, Täuschung“. § 3 und Anm. räumt der rein geschichtlichen Forschung „in ihrer eigenen Sphäre ihr Verdienst“ ein und zieht nur die Grenze, dass sie sich nicht „mit der Entwicklung aus dem Begriffe“ verwechsle. Und § 189–§ 208 verarbeiten den empirischen Stoff der politischen Ökonomie, den Hegel bei Smith, Say und Ricardo gelesen hat – § 189 Anm. nennt sie beim Namen.
Wer also wissen will, wie Hegel es mit der Empirie hält, braucht nicht die Naturphilosophie: § 243–§ 245 sind der Probefall. Dort steht eine Diagnose, die aus Beobachtung stammt, in Begriffen entwickelt wird – und ohne Lösung endet.
Fundstellen. Enzyklopädie (1830) § 38 und Anm. (Empirismus), § 12 (Erfahrung als Ausgangspunkt), § 246 mit Anm. und Zusatz (Physik und Naturphilosophie), § 249 Anm. (keine Geschichte der Natur in der Zeit), § 250 Anm. (die Zufälligkeiten der Natur). – Vorlesung über die Philosophie der Natur, Nachschrift Karl Gustav Julius Pinder 1825/26, hrsg. von Niklas Hebing, Meiner 2014 (dort die Passagen über Erfahrung, Allheit und die Metaphysik der Physik; zitiert in der Orthographie der Ausgabe). – Goethe, Faust I, Studierzimmer, V. 1938–1941 („Encheiresin naturae“) und Zur Morphologie I/3, 1820 („Ins Innre der Natur“). – Grundlinien § 1 Anm., § 3 und Anm., § 132, § 189–§ 208, § 243–§ 245. – Im Glossar: Der Begriff, Wirklichkeit und Vernünftigkeit, Der Verstand, das Spekulative. – Siehe auch Warum sollte ein Empirist Hegel lesen – und wie „beweist“ er das alles?
