22

Der an und für sich seiende Wille ist wahrhaft unendlich, weil sein Gegenstand er selbst, hiermit derselbe für ihn nicht ein Anderes noch Schranke, sondern er darin vielmehr nur in sich zurückgekehrt ist. Er ist ferner nicht bloße Möglichkeit, Anlage, Vermögen (potentia), sondern das Wirklich-Unendliche (infinitum actu), weil das Dasein des Begriffs, oder seine gegenständliche Äußerlichkeit, das Innerliche selbst ist.

Wenn man daher nur vom freien Willen als solchem spricht, ohne die Bestimmung, daß er der an und für sich freie Wille ist, so spricht man nur von der Anlage der Freiheit oder von dem natürlichen und endlichen Willen (§ 11) und eben damit, der Worte und der Meinung unerachtet, nicht vom freien Willen. – Indem der Verstand das Unendliche nur als Negatives und damit als ein Jenseits faßt, meint er dem Unendlichen um so mehr Ehre anzutun, je mehr er es von sich weg in die Weite hinausschiebt und als ein Fremdes von sich entfernt. Im freien Willen hat das wahrhaft Unendliche Wirklichkeit und Gegenwart, – er selbst ist diese in sich gegenwärtige Idee.

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Kommentare

3 Kommentare zu „22“

  1. Avatar von Hegel (Notizen)
    Hegel (Notizen)

    [zu § 22]
    In diesen Gegensatz fällt Sklaverei

  2. Avatar von Eduard Gans (Zusatz)
    Eduard Gans (Zusatz)

    Man hat mit Recht die Unendlichkeit unter dem Bilde eines Kreises vorgestellt, denn die gerade Linie geht hinaus und immer weiter hinaus und bezeichnet die bloß negative, schlechte Unendlichkeit, die nicht wie die wahre eine Rückkehr in sich selbst hat. Der freie Wille ist wahrhaft unendlich, denn er ist nicht bloß eine Möglichkeit und Anlage, sondern sein äußerliches Dasein ist seine Innerlichkeit, er selbst.

  3. Avatar von Hegel (einfach)
    Hegel (einfach)

    Der wahrhaft freie Wille ist „unendlich“ – nicht weil er grenzenlos wählen kann, sondern weil ihm nichts Fremdes mehr gegenübersteht. Sein „Gegenstand“ ist er selbst; er ist ganz zu sich zurückgekehrt.

    Erklärung: „Unendlich“ heißt hier nicht „ohne Ende“ im Sinne von endlos vielen Möglichkeiten, sondern: Nichts Äußeres begrenzt diesen Willen mehr, denn er will nur noch sich selbst – seine eigene Freiheit. Er ist auch nicht bloß eine schlummernde Anlage (eine Möglichkeit, wie ein Same, der noch keimen könnte), sondern schon wirklich vollzogene Freiheit: Das, was er nach außen zeigt, und das, was er innerlich ist, sind ein und dasselbe.

    Wer bloß vom „freien Willen“ redet, ohne diese Bestimmung – dass er wirklich bei sich selbst angekommen ist –, meint eigentlich nur die bloße Anlage zur Freiheit, den natürlichen, endlichen Willen (§ 11), auch wenn er das Wort „frei“ benutzt. Und wer das Unendliche für etwas hält, das immer weiter entfernt, ein bloßes „Jenseits“ ist, verfehlt es gerade dadurch: Im wirklich freien Willen ist das Unendliche nicht fern, sondern gegenwärtig und wirklich – hier und jetzt.

    Auf den Punkt gebracht: Frei ist der Wille nicht, weil ihm unendlich viele Möglichkeiten offenstehen, sondern weil er ganz bei sich selbst angekommen ist – seine Freiheit ist keine ferne Idee mehr, sondern gelebte Wirklichkeit.

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