31

Die Methode, wie in der Wissenschaft der Begriff sich aus sich selbst entwickelt und nur ein immanentes Fortschreiten und Hervorbringen seiner Bestimmungen ist – der Fortgang nicht durch die Versicherung, dass es verschiedene Verhältnisse gebe, und dann durch das Anwenden des Allgemeinen auf solchen von sonst her aufgenommenen Stoff geschieht, ist hier gleichfalls aus der Logik vorausgesetzt. 1

Das bewegende Prinzip des Begriffs, als die Besonderungen des Allgemeinen nicht nur auflösend, sondern auch hervorbringend, heiße ich die Dialektik, – Dialektik also nicht in dem Sinne, dass sie einen dem Gefühl, dem unmittelbaren Bewusstsein überhaupt gegebenen Gegenstand, Satz usf. auflöst, verwirrt, herüber- |37| und hinüberführt und es nur mit Herleiten seines Gegenteils zu tun hat, – eine negative Weise, wie sie häufig auch bei Platon erscheint. Sie kann so das Gegenteil einer Vorstellung, oder entschieden wie der alte Skeptizismus den Widerspruch derselben, oder auch matter Weise eine Annäherung zur Wahrheit, eine moderne Halbheit, als ihr letztes Resultat ansehen. Die höhere Dialektik des Begriffes ist, die Bestimmung nicht bloß als Schranke und Gegenteil, sondern aus ihr den positiven Inhalt und Resultat hervorzubringen und aufzufassen, als wodurch sie allein Entwicklung und immanentes Fortschreiten ist. Diese Dialektik ist dann nicht äußeres Tun eines subjektiven Denkens, sondern die eigene Seele des Inhalts, die organisch ihre Zweige und Früchte hervortreibt. Dieser Entwicklung der Idee als eigener Tätigkeit ihrer Vernunft sieht das Denken als subjektives, ohne seinerseits eine Zutat hinzuzufügen, nur zu. Etwas vernünftig betrachten heißt, nicht an den Gegenstand von außen her eine Vernunft hinzubringen und ihn dadurch bearbeiten, sondern der Gegenstand ist für sich selbst vernünftig; hier ist es der Geist in seiner Freiheit, die höchste Spitze der selbstbewussten Vernunft, die sich Wirklichkeit gibt und als existierende Welt erzeugt; die Wissenschaft hat nur das Geschäft, diese eigene Arbeit der Vernunft der Sache zum Bewusstsein zu bringen.

  1. Hegel gibt keine Stelle an. Gemeint ist die spekulative Methode: die Bestimmungen werden nicht von außen an den Gegenstand herangetragen, sondern gehen aus ihm selbst hervor; das bewegende Prinzip dieses Fortgangs nennt Hegel im folgenden Satz die Dialektik (Enzyklopädie, 3. Aufl. § 79–83 und § 238–242). – Dazu Die Grammatik der logischen Begriffe: Die Bewegung. ↩︎

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Kommentare

2 Kommentare zu „31“

  1. Avatar von Hegel (einfach)
    Hegel (einfach)

    § 31: Wie wir vorgehen

    Wie kommen wir von einem Gedanken zum nächsten? Das ist die Frage nach der Methode.

    Was wir nicht tun:

    Wir sagen nicht: Es gibt nun einmal Eigentum, Verträge und Strafen. Dann nehmen wir einen allgemeinen Grundsatz und wenden ihn darauf an. So arbeitet man mit Stoff, den man von irgendwoher aufgelesen hat.

    Was wir tun:

    Wir sehen zu, wie der Begriff sich selbst entfaltet. Jeder Schritt geht aus dem vorigen hervor. Was diese Bewegung antreibt, heißt Dialektik.

    Was ist Dialektik?

    Es gibt eine schwache Form. Sie nimmt eine Meinung und zeigt, dass sie nicht stimmt. Dann bleibt nur Verwirrung übrig. Oder Zweifel an allem. Oder die bequeme Auskunft, die Wahrheit liege irgendwo in der Mitte. So verfährt oft schon Platon.

    Die starke Form geht weiter. Sie zeigt, wo ein Gedanke zu eng ist. Und genau aus dieser Enge gewinnt sie den nächsten, reicheren Gedanken. Der Mangel zeigt schon, was fehlt. So entsteht etwas Neues, und nichts geht verloren.

    Diese Bewegung machen nicht wir. Sie ist das Leben der Sache selbst. Wir sind wie jemand, der einer Pflanze beim Wachsen zusieht. Sie treibt ihre Zweige und Früchte aus sich hervor. Wir ziehen nicht an den Blättern.

    Die Sache ist also selbst vernünftig. Hier ist es die Freiheit, die sich eine Welt schafft. Wir bringen nur ins Bewusstsein, was sie selbst tut.

    Zusammenfassung: Wir wenden keine fertigen Regeln auf fremden Stoff an. Wir sehen zu, wie der Begriff sich entfaltet. Aus jeder Grenze wächst der nächste Schritt hervor.

  2. Avatar von Die logische Entwicklung
    Die logische Entwicklung

    Voraussetzung der Methode — das immanente Fortschreiten des Begriffs, worin die Dialektik die Besonderungen des Allgemeinen nicht bloß auflöst, sondern hervorbringt.

    Nicht vom Recht ist hier die Rede, sondern von der Art, wie im folgenden fortgeschritten wird. Hegel schließt zwei Verfahren ausdrücklich aus: das Versichern, dass es dieses und jenes Verhältnis nun einmal gebe, und das Anwenden eines allgemeinen Satzes auf einen anderswoher aufgenommenen Stoff. Statt dessen soll jede neue Bestimmung aus der vorhergehenden selbst hervorgehen — das meint „immanent“. Die Anmerkung sagt, woran das hängt: Jede Bestimmung ist zugleich eine Schranke, und wer nur die Schranke sieht, gelangt bloß zum Gegenteil und damit zum Stillstand; erst wenn aus der Schranke ein positiver Inhalt gewonnen wird, entsteht Fortgang statt bloßer Widerlegung. Dieses Hervorbringen nennt Hegel Dialektik und schreibt es nicht dem Denkenden, sondern der Sache selbst zu; das subjektive Denken sieht zu.

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