Stammt dieser Satz überhaupt von Hegel?

Häufiger, als man glaubt, lautet die Antwort: nein — jedenfalls nicht so, wie er zitiert wird. Das liegt nicht an schlechten Zitierenden, sondern am Zustand der Überlieferung. Hegels Grundlinien bestehen aus mehreren Textschichten, die verschiedene Verfasser und verschiedene Grade von Verbindlichkeit haben, und in gedruckten Ausgaben stehen sie oft ohne Kennzeichnung untereinander.

Die Schichten

Was Hegel selbst veröffentlicht hat, ist der Haupttext der Paragraphen und die im Erstdruck mitgedruckten Anmerkungen. Nur dafür hat er die Verantwortung übernommen.

Hegels eigene Vorlesungsnotizen — Randbemerkungen in seinem Handexemplar und Blätter zur Vorbereitung. Von ihm, aber nicht für die Öffentlichkeit geschrieben, oft stichwortartig.

Nachschriften seiner Hörer — Wannenmann 1817/18, Homeyer 1818/19, Hotho 1822/23, Griesheim 1824/25 und weitere. Was dort steht, hat Hegel gesagt haben können; die Formulierung ist die des Schreibers.

Die Zusätze — nach Hegels Tod stellte Eduard Gans für die Ausgabe von 1833 aus solchen Nachschriften zusammenhängende Absätze zusammen und stellte sie hinter die Paragraphen. Gans hat im Vorwort selbst eingeräumt, dass die Wortwahl bisweilen seine ist. Diese Zusätze sind der lesbarste und daher der meistzitierte Teil des Buches.

Ein Beispiel, an dem sich alles zeigt

Der berüchtigtste Hegel-Satz überhaupt lautet in der Umlaufform: „Der Staat ist der Gang Gottes durch die Welt.“ Er gilt als Beweis dafür, dass Hegel den Staat vergöttert habe. An diesem einen Satz sind zwei Dinge falsch.

Erstens steht er nicht in Hegels Text. Er steht im Zusatz zu § 258, also in der Kompilation von Gans.

Zweitens sagt auch der Zusatz das nicht. Dort heißt es:

[…] denn der Mensch mag es wissen oder nicht, dies Wesen realisiert sich als selbständige Gewalt, in der die einzelnen Individuen nur Momente sind: es ist der Gang Gottes in der Welt, daß der Staat ist, sein Grund ist die Gewalt der sich als Wille verwirklichenden Vernunft.

Zusatz zu § 258 (von Eduard Gans aus Vorlesungsmitschriften zusammengestellt)

Gesagt ist also: Dass es überhaupt Staaten gibt, ist nicht Menschenwerk allein. Das ist eine Aussage über die Institution als solche — nicht die Behauptung, irgendein bestimmter Staat sei göttlich. Die Umlaufform macht aus einem Satz über das Staatsein einen Satz über den Staat. Der Unterschied ist der ganze Streit.

Warum das mehr als Pedanterie ist

Die Frage entscheidet über die wirkungsmächtigste Anklage gegen Hegel. Walter Kaufmann hat 1959 die Belegtechnik untersucht, mit der Karl Popper Hegel zum Wegbereiter des Totalitarismus erklärte, und gezeigt: Popper arbeitet mit Montagen, in denen Sätze aus verschiedenen Zusammenhängen durch Auslassungspunkte zu einer scheinbar einheitlichen Passage zusammengesetzt sind. In einem Fall stammen alle acht Bruchstücke eines einzigen solchen „Zitats“ aus Schülernachschriften — kein Wort davon aus dem Buch, das Hegel geschrieben hat.

Was diese Ausgabe deshalb anders macht

Sie stellt die Schichten getrennt und benannt nebeneinander. Unter jedem Paragraphen steht zuerst Hegels gedruckter Text, dann seine Anmerkung, dann — jeweils gekennzeichnet — seine eigenen Notizen, die Nachschriften der einzelnen Kollegien und der Zusatz von Gans. Man sieht auf einen Blick, wer spricht.

Daraus folgt eine schlichte Leseregel: Bevor Sie einen Hegel-Satz verwenden, sehen Sie nach, in welcher Schicht er steht. Das ist keine Schikane. Es ist der Unterschied zwischen einem Zitat und einem Gerücht.

Fundstellen. Walter Kaufmann, „The Hegel Myth and Its Method“, 1959 · Jon Stewart (Hg.), The Hegel Myths and Legends, 1996 · Karl-Heinz Ilting (Hg.), Hegel. Vorlesungen über Rechtsphilosophie 1818–1831, 4 Bde., 1973/74 · maßgeblich heute: Gesammelte Werke, Bde. 26,1–26,3, Meiner 2014/15 — Siehe auch: Hinweise zu den Textschichten · § 258

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