„Was vernünftig ist, das ist wirklich“ – rechtfertigt Hegel damit alles Bestehende?

Der Satz steht in der Vorrede und lautet:

Was vernünftig ist, das ist wirklich; und was wirklich ist, das ist vernünftig.

Vorrede zur Rechtsphilosophie

Gelesen wird er meist so: Was besteht, hat damit schon recht. Das wäre eine Aufforderung, sich mit allem abzufinden — und sie wäre mit Hegels eigenem Buch unvereinbar, das über weite Strecken davon handelt, was am Bestehenden nicht stimmt.

Der Fehler liegt in einem Wort

Wirklich heißt bei Hegel nicht: vorhanden. Es ist ein Terminus, und er steht im Gegensatz zum bloß Möglichen und Zufälligen, nicht zum Eingebildeten. Wirklich ist, was seinem Begriff entspricht. Alles andere existiert zwar, ist aber, wie es in der Anmerkung zu § 1 heißt, „vorübergehendes Dasein, äußerliche Zufälligkeit, Meinung, wesenlose Erscheinung, Unwahrheit, Täuschung“.

Hegel hat das nicht später zurechtgerückt, sondern 1830 in der Enzyklopädie ausdrücklich erläutert, weil ihm die Missverständnisse zu Ohren gekommen waren:

Im gemeinen Leben nennt man etwa jeden Einfall, den Irrtum, das Böse und was auf diese Seite gehört, sowie jede noch so verkümmerte und vergängliche Existenz zufälligerweise eine Wirklichkeit. Aber auch schon einem gewöhnlichen Gefühl wird eine zufällige Existenz nicht den emphatischen Namen eines Wirklichen verdienen; das Zufällige ist eine Existenz, die keinen größeren Wert als den eines Möglichen hat, die so gut nicht sein kann, als sie ist.

Enzyklopädie § 6, Anmerkung

Bemerkenswert ist, wo diese Klarstellung fehlt: in der Studentenanthologie, aus der Karl Popper seine Hegel-Kenntnis bezog.

Was der Satz dann sagt

Er schneidet nach beiden Seiten. Nach der einen: Eine despotische Regierung existiert, aber sie ist nicht wirklich — sie entspricht ihrem Begriff nicht und geht deshalb zugrunde. Der Satz ist kein Freibrief für das Bestehende, sondern ein Maßstab an ihm.

Nach der anderen: Wer die Gegenwart bloß für nichtig hält und es besser weiß, hat seine bessere Welt, wie Hegel in derselben Vorrede schreibt, „nur in seinem Meinen — einem weichen Elemente, dem sich alles Beliebige einbilden lässt“. Das ist die unbequemere Hälfte, und sie richtet sich gegen die Kritiker, nicht gegen die Zustände.

Der Preis

Man kann Hegel vorwerfen, dass ein Wort, das im Alltag „vorhanden“ heißt, bei ihm etwas anderes bedeutet, ohne dass er es im Satz dazusagt. Der Vorwurf ist berechtigt. Hegel hat nur einmal — und erst nach neun Jahren — nachgeschoben, was er meinte; er hielt es sonst für die Sache des Lesers, den Begriff aus dem System zu nehmen. Er hat sich damit den nachhaltigsten Ruf seines Lebens eingehandelt.

Fundstellen. Walter Kaufmann, „The Hegel Myth and Its Method“, 1959 · Jon Stewart (Hg.), The Hegel Myths and Legends, 1996, dort „The Myth of the Rational and the Actual“ — Siehe auch im Glossar: Wirklichkeit und Vernünftigkeit, Der Begriff, Die Eule der Minerva

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