Ist mit Hegel die Geschichte zu Ende?

Der Ausdruck „Ende der Geschichte“ kommt bei Hegel nicht vor. Er stammt aus der Rezeption — bei Alexandre Kojève, der Hegel in den dreißiger Jahren in Paris las, und über ihn bei Francis Fukuyama, dessen Aufsatz von 1989 die Formel weltberühmt machte. Was dort behauptet wird, hat Hegel nicht behauptet.

Was Hegel sagt

Die Weltgeschichte ist bei ihm der Fortgang im Bewusstsein der Freiheit (§ 342). Dieses Bewusstsein hat mit dem Prinzip des modernen Staates — dass alle frei sind, nicht einer und nicht einige — seinen Begriff erreicht. Damit ist ein Prinzip gefunden, kein Zustand vollendet.

Zwischen beidem liegt bei Hegel der ganze Rest des Buches. Er beschreibt eine bürgerliche Gesellschaft, die Armut und Pöbel hervorbringt und das Problem aus eigenen Mitteln nicht lösen kann (§ 245), Verfassungen, die ihren Völkern nicht entsprechen, Staaten, die ihrem Begriff nachhinken. Ein Autor, der die Geschichte für abgeschlossen hielte, hätte diese Kapitel nicht geschrieben.

Woher der Eindruck kommt

Aus zwei Eigenheiten. Erstens endet Hegels Vorlesung über die Philosophie der Geschichte mit der Gegenwart — schlicht deshalb, weil man weiter nicht kommt. Der Schlusssatz ist ein Rückblick, keine Prognose: „Bis hierher ist das Bewusstsein gekommen.“

Zweitens folgt aus seinem Verständnis von Philosophie, dass sie nicht vorgreifen kann. Die Eule der Minerva beginnt erst mit der einbrechenden Dämmerung ihren Flug: Erkannt wird eine Gestalt des Lebens, wenn sie fertig ist. Wer das für einen Abschluß der Geschichte hält, verwechselt die Grenze des Erkennens mit einer Grenze des Geschehens.

Die Forschung

Jon Stewart führt das „Ende der Geschichte“ als eigene Legende; Philip Grier und H. S. Harris zeigen, dass Fukuyama eine eigenwillige Deutung Kojèves ungeprüft übernimmt, und Reinhart Klemens Maurer trennt die verschiedenen Bedeutungen der Formel und weist nach, dass keine auf Hegel paßt.

Fundstellen. Alexandre Kojève, Introduction à la lecture de Hegel, 1947 · Francis Fukuyama, „The End of History?“, 1989 · Jon Stewart (Hg.), The Hegel Myths and Legends, 1996, dort „The Myth of the End of History“ — In der Edition: § 341 bis § 360 — Im Glossar: Das Ende der Geschichte, Der Weltgeist

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