Jeder Paragraph dieser Ausgabe besteht aus mehreren Schichten, und sie haben verschiedene Verfasser. Wer das weiß, liest anders — und zitiert richtig.
Oben: was Hegel veröffentlicht hat
Der Haupttext — der Paragraph selbst, so wie Hegel ihn drucken ließ. Er ist knapp bis zur Unfreundlichkeit; er ist die verbindliche Fassung.
Die Anmerkung, abgesetzt als Zitatblock. Auch sie ist von Hegel und im Erstdruck mitgedruckt. Hier wird er ausführlich, polemisch und oft konkret; wer nur den Haupttext liest, verpaßt die Hälfte des Buches. Die schärfsten Sätze der Grundlinien stehen in Anmerkungen.
Darunter: der Apparat
Die weiteren Schichten stehen als eigene, namentlich gekennzeichnete Beiträge unter dem Paragraphen:
Hegel (Notizen) — seine eigenen handschriftlichen Randbemerkungen und Vorbereitungsblätter. Von ihm, aber nicht für die Öffentlichkeit; oft stichwortartig, manchmal überraschend deutlich.
Nachschriften — Wannenmann (1817/18), Homeyer (1818/19), Griesheim (1824/25), eine anonyme von 1819/20. Was Hegel im Kolleg gesagt haben kann, in den Worten des Hörers. Hier findet man die Beispiele, die im Buch fehlen.
Eduard Gans (Zusatz) — die Absätze, die Gans 1833 nach Hegels Tod aus solchen Nachschriften zusammenstellte. Der lesbarste und daher meistzitierte Teil, aber der am weitesten von Hegels Feder entfernte. Gans hat selbst eingeräumt, dass die Wortwahl bisweilen seine ist.
Hegel (Enzyklopädie 1817/1827/1830) — die Parallelstellen aus den drei Auflagen der Enzyklopädie. Man sieht, wie sich derselbe Gedanke über dreizehn Jahre verändert.
Die logische Entwicklung — eine Erläuterung, an welcher Stelle des logischen Gangs der Paragraph steht und warum er dort steht. Sie ist Zutat dieser Ausgabe und nicht Hegel.
Hegel (einfach) — eine moderne Paraphrase in verständlicher Sprache. Kein Originaltext; als Verständnishilfe gedacht, nicht zum Zitieren.
Karl Marx — seine Kommentierung, wo es eine gibt. Rezeption, nicht Hegel.
Querverweis — die redaktionelle Stimme dieser Ausgabe, wenn ein Bezug zu einer anderen Stelle anzumerken ist.
Eine Leseempfehlung
Beim ersten Durchgang: Haupttext und Anmerkung lesen, den Rest liegen lassen. Beim zweiten: die Nachschriften dazu, weil dort die Beispiele stehen. Der Zusatz ist zum Verstehen oft der beste Einstieg und zum Belegen der schlechteste — beides sollte man nicht verwechseln. Warum das mehr als Pedanterie ist, steht unter Stammt dieser Satz überhaupt von Hegel?
Literatur. Karl-Heinz Ilting (Hg.), Hegel. Vorlesungen über Rechtsphilosophie 1818–1831, 4 Bde., Stuttgart 1973/74 – die Ausgabe, die die Nachschriften erstmals getrennt zugänglich machte; Dieter Henrich (Hg.), Philosophie des Rechts. Die Vorlesung von 1819/20, Frankfurt a. M. 1983; maßgeblich heute Gesammelte Werke, Bde. 26,1–26,3, Hamburg 2014/15. – Zur Frage, was das für die Zitierpraxis bedeutet: Stammt dieser Satz überhaupt von Hegel?
