Nein. Der Eindruck entsteht aus zwei Quellen: aus einem Satz, der so nicht von Hegel stammt, und aus einem Wort, das bei ihm etwas anderes heißt als im Alltag.
Der Satz
„Der Staat ist der Gang Gottes durch die Welt“ steht nicht in den Grundlinien. Er ist die verkürzte Umlaufform eines Satzes aus dem Zusatz zu § 258 — also aus der Kompilation, die Eduard Gans nach Hegels Tod aus Vorlesungsmitschriften zusammenstellte. Und dort steht: „es ist der Gang Gottes in der Welt, daß der Staat ist„. Gesagt ist damit, dass es Staaten überhaupt gibt, sei nicht bloß menschliche Einrichtung — nicht, ein bestimmter Staat sei göttlich. Die Umlaufform macht aus einer Aussage über das Staatsein eine Aussage über den Staat. Näheres unter Stammt dieser Satz überhaupt von Hegel?
Das Wort
Wo Hegel den Staat „göttlich“ nennt, meint er dasselbe wie mit „vernünftig“. Für ihn ist das Vernünftige das Göttliche — er sagt es in der Nachschrift Homeyer schroff: „Alles, was göttlich ist, ist vernünftig; und so umgekehrt.“ Wer daraus eine Vergottung des Staates macht, hat den Satz in der Richtung gelesen, in der er nicht gemeint ist.
Was Hegel wirklich sagt — und was daraus folgt
In § 257 heißt der Staat „die Wirklichkeit der sittlichen Idee“. Das ist eine Bestimmung des Begriffs, keine Auszeichnung eines vorhandenen Staates. Da wirklich bei Hegel heißt: seinem Begriff entsprechend, gilt der Satz von keinem einzigen Staat unbesehen, sondern nur in dem Maße, in dem er ist, was ein Staat sein soll.
Umgekehrt läuft die Vergottungsthese an der Stelle auf, an der Hegel die Religion behandelt. In der Anmerkung zu § 270 hält er ausdrücklich fest, dass Religion und Wissenschaft „eine eigentümliche, von der des Staates verschiedene Form zu ihrem Prinzip“ haben. Der Staat beruht bei Hegel auf Vernunft und nicht auf Glaubenssätzen. Ein Staat, der sich auf Gott beruft statt auf Gründe, ist bei ihm kein höherer, sondern ein rückständiger.
Und schließlich: Der Staat ist bei Hegel gar nicht das Höchste. Über dem objektiven Geist stehen Kunst, Religion und Philosophie — drei Stufen, in denen der Geist sich selbst erkennt und die der Staat nicht einholt. Wer Hegel für einen Staatsvergötterer hält, hat das letzte Drittel des Systems nicht gelesen.
Fundstellen. Franz Grégoire, „Le mythe de l’État divinisé“, und Jacques Maritain-Kritik, beides referiert in Jon Stewart (Hg.), The Hegel Myths and Legends, 1996 · Walter Kaufmann, „The Hegel Myth and Its Method“, 1959 — In der Edition: § 257, § 258, § 270 — Im Glossar: Der Staat, Staat und Religion, Der absolute Geist
