Ist Hegels Philosophie „Identitätsphilosophie“?

Kurz: Nein, und Hegel hat den Ausdruck selbst polemisch gebraucht. „Identitätsphilosophie“ war der Name für Schellings Absolutes, in dem alle Unterschiede verschwinden. Hegels ganzes Verfahren ist der Versuch, das Gegenteil zu leisten: eine Einheit, die den Unterschied nicht tilgt, sondern aushält.

Woher der Ausdruck kommt

Um 1801 verstand man unter Identitätsphilosophie Schellings System der absoluten Indifferenz von Natur und Geist. Hegel hat in seiner ersten Veröffentlichung – der Differenz des Fichteschen und Schellingschen Systems der Philosophie (1801) – dafür noch Partei ergriffen. Sechs Jahre später hat er sich davon getrennt, und zwar so, dass die Freundschaft daran zerbrach.

für die Nacht […], worin, wie man zu sagen pflegt, alle Kühe schwarz sind – [das] ist die Naivität der Leere an Erkenntnis.

Phänomenologie des Geistes, Vorrede

Der Vorwurf ist nicht, dass Schelling die Einheit zu hoch ansetze, sondern dass eine Einheit, aus der nichts folgt, keine Erkenntnis ist.

Was Hegel stattdessen sagt

Die berühmte Formel steht in der Wissenschaft der Logik, an der Stelle über den Anfang. Wenn man den Anfang analysiert, kommt heraus:

der Begriff der Einheit des Seins und des Nichtseins – oder, in reflektierterer Form, der Einheit des Unterschieden- und des Nichtunterschiedenseins – oder der Identität der Identität und Nichtidentität.

Wissenschaft der Logik I

Das ist keine Wortspielerei, sondern eine Anweisung: Die Einheit, um die es geht, enthält den Unterschied als ihr Moment. Wer nur Identität denkt, denkt nichts; wer nur Unterschied denkt, kommt über eine Aufzählung nicht hinaus.

Entsprechend behandelt Hegel die Identität in der Logik des Wesens nicht als obersten Grundsatz, sondern als die ärmste der Reflexionsbestimmungen. Der Satz „A = A“ sagt nichts; sobald man ihn ernst nimmt und fragt, was A denn sei, ist man beim Unterschied.

Die Probe an der Rechtsphilosophie

Der Maßstab, an dem Hegel Platons Staat scheitern sieht, ist genau dieser. In § 185 Anm. heißt es, den alten Staaten habe

die wahrhaft unendliche Kraft [gemangelt], die allein in derjenigen Einheit liegt, welche den Gegensatz der Vernunft zu seiner ganzen Stärke auseinandergehen läßt und ihn überwältigt hat, in ihm somit sich erhält und ihn in sich zusammenhält.

Grundlinien, § 185 Anm.

„Zu seiner ganzen Stärke auseinandergehen lassen“ – das ist das Gegenteil einer Identitätsphilosophie. Und § 260 verlangt entsprechend, das Prinzip der Subjektivität „sich zum selbständigen Extreme der persönlichen Besonderheit vollenden zu lassen“. Die bürgerliche Gesellschaft mit ihrer Konkurrenz, ihrer Ungleichheit und ihrer Armut wird in den § 182§ 256 nicht harmonisiert, sondern in ihrer Zerrissenheit dargestellt.

Was am Vorwurf dennoch dran ist

Zwei Dinge. Erstens: Hegel behauptet, die Gegensätze gingen in einer höheren Einheit auf – und diese Behauptung lässt sich nicht beweisen, sondern nur am Einzelfall zeigen. Wer bestreitet, dass sie an einer bestimmten Stelle gelingt, hat den Einwand, auf den es ankommt. Zweitens: Es gibt Stellen, an denen die Einheit eher behauptet als hergeleitet wird – die Ableitung des Monarchen in § 279 ist das bekannteste Beispiel.

Der Vorwurf trifft also nicht das Programm, aber möglicherweise seine Ausführung. Das ist ein Unterschied, den zu machen sich lohnt.

Fundstellen. Differenz des Fichteschen und Schellingschen Systems der Philosophie (1801). – Phänomenologie des Geistes, Vorrede. – Wissenschaft der Logik I, „Womit muss der Anfang der Wissenschaft gemacht werden?“; Logik II, Erster Abschnitt (Identität, Unterschied, Widerspruch); Enzyklopädie (1830) §§ 115–120. – Grundlinien § 182§ 256, § 185 Anm., § 260, § 279. – Literatur. Dieter Henrich, Hegel im Kontext, Frankfurt a. M. 1971; Klaus Düsing, Das Problem der Subjektivität in Hegels Logik, Bonn 1976. – Im Glossar: absoluter Idealismus, der Widerspruch, das Spekulative.

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