Hat Hegel etwas zur ökologischen Krise zu sagen?

Kurz: Weniger, als man sich wünschte, und mehr, als es zunächst aussieht. In den Grundlinien steht mit § 44 das Gegenteil einer ökologischen Rechtslehre. In der Naturphilosophie steht dagegen etwas, das man nicht erwartet: die Erde als ein Organismus, dessen Stufen sich wechselseitig bestimmen. Nur zieht Hegel daraus nicht die Folgerung, die man heute daraus zöge.

1. Der Befund gegen Hegel

Es hilft nichts, ihn zu schonen. Die Natur ist im Recht das, was keinen Zweck in sich selbst hat:

Die Person hat das Recht, in jede Sache ihren Willen zu legen, welche dadurch die meinige ist, zu ihrem substantiellen Zwecke, da sie einen solchen nicht in sich selbst hat, ihrer Bestimmung und Seele meinen Willen erhält, – absolutes Zueignungsrecht des Menschen auf alle Sachen.

Grundlinien, § 44

Ein Eigenrecht der Natur, ein Recht künftiger Generationen, eine Schranke der Aneignung aus der Sache selbst – nichts davon gibt es. Wo Hegel die Verfügung begrenzt, tut er es mit Rücksicht auf andere Personen, nicht auf die Natur. Und die Naturphilosophie bestätigt das: Die Nützlichkeitsbetrachtung der natürlichen Dinge habe „die Wahrheit in sich, daß sie nicht an und für sich absoluter Zweck sind“ (Enzyklopädie § 249 Zus.).

2. Die Erde als Organismus – was wirklich dasteht

Trotzdem ist die Rede vom bloßen Vorrat nicht das ganze Bild. Hegels Naturphilosophie beginnt den Abschnitt über das Leben nicht mit der Pflanze, sondern mit der Erde. § 337 nennt drei Gestalten des Lebens, und die erste ist „das allgemeine Bild des Lebens, der geologische Organismus“. § 338 bestimmt ihn als

die Gestalt des Organismus, – der Erdkörper als das allgemeine System der individuellen Körper.

Enzyklopädie (1830), § 338

Die Erde ist also ausdrücklich als Totalität gedacht und nicht als Ansammlung von Dingen: Ihre Stellung im Sonnensystem, die Neigung der Achse, die Verteilung von Meer und Land, die Gebirgszüge, das Magnetfeld gehören für Hegel in einen Zusammenhang (§ 339). Und im Zusatz zu § 341 heißt es, die Erde sei „fruchtbar, – eben als der Grund und Boden der individuellen Lebendigkeit, welche auf ihr ist“, und dieses allgemeine Leben der Erde habe „lebendige Teile, welche die Elemente sind“.

Noch näher an der ökologischen Denkform ist eine Bemerkung über das Verhältnis der Stufen zueinander:

Die eine Stufe ist die Macht der anderen, und das ist gegenseitig […]. Das Unorganische zerstört das Organische; aber ebenso ist das Organische wiederum die Macht gegen seine allgemeinen Mächte, Luft, Wasser, welche, wie immer freigelassen, auch reduziert und assimiliert werden.

Enzyklopädie (1830), § 252 Zus.

Das ist, in Hegels Sprache, die wechselseitige Bestimmung von Organismus und Umwelt – kein Nebeneinander von Ressource und Nutzer, sondern ein Verhältnis, in dem jede Seite die andere bearbeitet.

3. Und warum Hegel daraus nichts folgert

An zwei Stellen zieht er die Grenze selbst, und zwar in die Richtung, die für die Ökologie unbequem ist.

Der geologische Organismus ist kein Subjekt. § 338 sagt ausdrücklich, dieser erste Organismus „existiert nicht als Lebendiges“; er ist Lebendigkeit nur „an sich“. Seine Glieder „enthalten daher nicht den Lebensprozeß in sich selbst und machen ein äußerliches System aus“ (§ 339). Genau die Eigenschaft, die eine Erde zum Organismus im vollen Sinn machen würde – dass ihre Teile nur als Glieder eines Ganzen existieren –, spricht Hegel ihr ab. Sie kommt erst der Pflanze und dem Tier zu.

Ihre Geschichte ist vorbei. Der Bildungsprozeß der Erde ist für Hegel „ein vergangener“ (§ 339). Für eine Wissenschaft, deren Gegenstand die laufende Veränderung des Erdsystems ist, ist das die falsche Grundannahme – dieselbe, mit der die Naturphilosophie auch bei der Entstehung der Arten über ihr Ziel hinausschießt (siehe Ist Hegels Naturphilosophie die Achillesferse des Systems?).

Die ehrliche Bilanz lautet also: Hegel stellt die Frage nach der Erde als Ganzem und beantwortet sie in der Gegenrichtung. Wer ihn für eine Theorie der lebendigen Erde in Anspruch nimmt, muss § 338 und § 339 erklären, nicht überspringen. Was bleibt, ist die Denkform: dass ein Ganzes vor seinen Teilen zu bestimmen ist und dass die Stufen einander wechselseitig bestimmen. Sie ist brauchbar, auch wenn Hegels eigene Anwendung veraltet ist.

4. Der Beitrag, der nicht veraltet: Gesinnung genügt nicht

Die stärkste hegelianische Aussage zur ökologischen Krise ist keine über die Natur, sondern eine über Moral. Die ganze Analyse der Moralität (§ 105§ 141) läuft darauf hinaus, dass ein Wille, der beim Sollen bleibt, sich selbst genügt und nichts bewirkt. Wirklich wird das Gute erst als Sittlichkeit – in Einrichtungen, die auch dann funktionieren, wenn niemand daran denkt.

Übersetzt: Eine Umweltpolitik, die auf Einsicht, Verzicht und richtige Haltung setzt, hat nach Hegel die Form des Guten, dem die Wirklichkeit fehlt. Was zählt, sind Preise, Rechte, Zuständigkeiten und Verfahren – Institutionen, die das Richtige zur Gewohnheit machen, statt es zur täglichen Entscheidung. Das ist unromantisch und nicht unfruchtbar.

Dazu kommt die Kritik des bloßen Verstandes, der Bestimmungen isoliert und ihren Zusammenhang verliert – die Denkform, in der eine Landschaft zu Rohstoff, ein Fluss zu Vorflut und ein Klima zu einer Kennzahl wird. Was Hegel spekulativ nennt, ist das Gegenteil: das Getrennte in seinem Zusammenhang denken. Genau das verlangt jede ökologische Betrachtung.

Und die Grenze

Alles darüber hinaus wäre Hegel angedichtet. Sein Staat kennt keine Naturschranke, seine Weltgeschichte kein Ende durch erschöpfte Ressourcen, sein Begriff der Freiheit keine Rücksicht auf Nachgeborene. Mit Hegel lässt sich über die Form nachdenken, in der eine ökologische Ordnung wirklich würde. Den Inhalt muss man ohne ihn finden.

Fundstellen. Grundlinien § 41§ 46 (Eigentum, insbesondere § 44), § 105§ 141 (Moralität, Sollen, das Gute), § 142 ff., § 189§ 208. – Enzyklopädie (1830), Naturphilosophie: §§ 245–252 (Einleitung, „Ohnmacht der Natur“), § 249 Zus., § 252 Zus. (die wechselseitige Macht der Stufen), §§ 337–342 (der geologische Organismus, die Erde als System, ihre Fruchtbarkeit), § 343 (der Übergang zur subjektiven Lebendigkeit). – Zur Frage, wie weit Hegels Organismusbegriff für eine Naturphilosophie der Gegenwart trägt, vgl. die Debatte um Hegels Verhältnis zur Selbstorganisation; eine Berufung auf ihn für die Gaia-Hypothese scheitert an §§ 338 f. – Im Glossar: Sollen, Sittlichkeit, Verstand, das Spekulative. – Literatur. Alison Stone, Petrified Intelligence. Nature in Hegel’s Philosophy, Albany 2005; Michael John Petry (Hg./Übers.), Hegel’s Philosophy of Nature, 3 Bde., London 1970.

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