Muss ich alles verstanden haben, um irgend etwas zu verstehen?

Nein. Der Satz gehört zu den Gerüchten, die Hegel-Leser voneinander abschreiben, und er hat schon manchen davon abgehalten, überhaupt anzufangen. Er ist in der Lehrliteratur ausdrücklich als eines der Vorurteile verzeichnet, die eine faire Lektüre unmöglich machen.

Was daran richtig ist

Hegels Begriffe bekommen ihre volle Bedeutung erst im Zusammenhang, und man versteht einen frühen Paragraphen beim zweiten Lesen besser, weil man inzwischen weiß, worauf er hinausläuft. Das gilt aber für jedes anspruchsvolle Buch. Es heißt nicht, dass vorher nichts zu verstehen wäre; es heißt, dass mehrfaches Lesen sich lohnt.

Was daran falsch ist

Die Grundlinien sind nicht so gebaut, dass der Sinn erst am Ende einrastet. Sie sind ein Gang, und jeder Abschnitt hat für sich einen Gegenstand, den man kennt: Eigentum, Vertrag, Strafe, Familie, Markt, Armut, Gericht, Verfassung. Man kann § 244 über den Pöbel lesen und verstehen, ohne die Logik studiert zu haben. Man kann § 100 über die Strafe lesen und daran seine eigene Straftheorie prüfen.

Der Preis dafür ist, dass man die Begründung nicht mitliest — warum der Pöbel gerade hier steht, warum die Strafe im abstrakten Recht behandelt wird und nicht im Staat. Das ist ein wirklicher Verlust, aber kein Grund, nicht anzufangen.

Eine Empfehlung

Lesen Sie zuerst, was Sie angeht. Ein Jurist fängt sinnvoll bei Eigentum und Strafe an, wer sich für Ökonomie interessiert bei der bürgerlichen Gesellschaft, wer über Politik nachdenkt beim Staat. Und lassen Sie die Vorrede zunächst liegen: Sie ist berühmt, sie ist polemisch, und sie ist als Einstieg denkbar ungeeignet. Man liest sie am Ende — worin eine gewisse Ironie liegt, denn Hegel warnt in eben dieser Vorrede davor, sich eine Philosophie über ihre Vorrede erschließen zu wollen.

Literatur. Robert C. Solomon, „Teaching Hegel“, Teaching Philosophy 2 (1977) – gegen den Mythos, man verstehe bei Hegel nichts, bevor man alles verstanden habe.

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