Kurz: Für die Physik nichts, für die Frage, was die eigenen Begriffe eigentlich tun, sehr viel. Hegels Naturphilosophie ist überholt; seine Logik ist eine Untersuchung darüber, wie Bestimmungen wie Kraft, Gesetz, Ursache, Zweck, Wechselwirkung und Maß funktionieren – und die sind nicht überholt, weil sie in jedem Labor benutzt werden.
Erst das Ärgernis aus dem Weg
Ja, Hegel hat Newton auf eine Weise kritisiert, die Physiker nicht überzeugt. Nein, er hat nicht behauptet, es könne nur sieben Planeten geben – das ist eine Legende. Und er hat ausdrücklich gesagt, dass die Naturphilosophie ohne die empirische Forschung gar nicht entstünde:
Nicht nur muß die Philosophie mit der Naturerfahrung übereinstimmend sein, sondern die Entstehung und Bildung der philosophischen Wissenschaft hat die empirische Physik zur Voraussetzung und Bedingung.
Enzyklopädie (1830), § 246 Anm.
Wie belastbar der Rest ist, steht in der Antwort auf die Frage Ist Hegels Naturphilosophie die Achillesferse des Systems? Kurz gesagt: Bei der Evolution verwirft er mehr, als sein Verfahren verlangte; bei der Selbstbeschränkung hält er Wort.
Was tatsächlich brauchbar ist
Die Wissenschaft der Logik ist keine Naturlehre, sondern eine Untersuchung von Denkbestimmungen. Vier Stellen sind für naturwissenschaftlich Gebildete ungewöhnlich ergiebig:
– Qualität, Quantität, Maß. Hegels These, dass quantitative Änderung an bestimmten Knotenpunkten in qualitative umschlägt, ist an Aggregatzuständen entwickelt und trifft alles, was man heute Phasenübergang nennt.
– Kraft und ihre Äußerung. Hegel zeigt, dass eine „Kraft“, die nichts weiter ist als das, worin sie sich äußert, keine Erklärung liefert, sondern eine Umbenennung – eine Kritik der Erklärungstautologie, die in jedem Methodenseminar vorkommen sollte.
– Gesetz und Erscheinung. Die Frage, in welchem Sinn ein Naturgesetz „existiert“, ist bei ihm ausdrücklich gestellt.
– Zweck und Mechanismus. Ob Teleologie in der Biologie eine Redeweise oder mehr ist, wird seit zweihundert Jahren gestritten; Hegels Fassung des „inneren Zwecks“ ist einer der wenigen Versuche, die die Frage nicht durch Verbot erledigen.
Der Punkt, an dem es die Naturwissenschaft wirklich angeht
Die § 4 bis § 7 der Grundlinien gehen von einer Voraussetzung aus, mit der die Naturwissenschaft ein Problem hat: dass es einen Willen gibt, der sich selbst bestimmt. Hegel begründet das nicht durch eine Lücke in der Kausalkette – er hält die Frage „determiniert oder frei?“ für falsch gestellt, weil beide Antworten die Freiheit als Willkür verstehen (§ 15 Anm.). Frei sei nicht der unbestimmte Wille, sondern der, der sich selbst zum Inhalt hat.
Ob das die Debatte über Willensfreiheit trifft oder an ihr vorbeigeht, kann ein naturwissenschaftlich gebildeter Leser besser beurteilen als die meisten. Es ist jedenfalls kein Rückzug auf Ignoranz, sondern eine andere Frage – und die Stelle, an der ein naturwissenschaftlich gebildeter Leser Hegel am schnellsten prüfen kann.
Ein Vorschlag
Man sollte nicht mit der Naturphilosophie anfangen, sondern mit den § 1 bis § 33, in denen der Begriffsapparat vorgeführt wird – und darauf achten, was dort methodisch geschieht. Wer das für Wortspielerei hält, dem hat Hegel nichts zu sagen. Wer darin eine Rekonstruktion dessen erkennt, was beim Aufstellen einer Begriffsdefinition tatsächlich geschieht, für den lohnt der Rest.
Fundstellen. Enzyklopädie (1830), Zweiter Teil: Naturphilosophie, §§ 245–251; Erster Teil: Wissenschaft der Logik, §§ 84–111 (Sein, Qualität, Quantität, Maß), §§ 136–141 (Kraft und Äußerung, Gesetz), §§ 204–212 (Teleologie). – Wissenschaft der Logik I, Erstes Buch, Dritter Abschnitt: Das Maß. – Grundlinien § 4–§ 7, § 15 Anm. – Im Glossar: Wissenschaft der Logik, Dialektik, Verstand. – Literatur. Michael John Petry (Hg./Übers.), Hegel’s Philosophy of Nature, 3 Bde., London 1970; Terry Pinkard, Hegel’s Naturalism, Oxford 2012.
