Hat Hegel behauptet, es könne nur sieben Planeten geben?

Die Anekdote geht so: Hegel habe 1801 in seiner Habilitationsschrift De orbitis planetarum aus reinen Begriffen bewiesen, es könne nur sieben Planeten geben — und ausgerechnet in demselben Jahr sei der achte entdeckt worden. Seither gilt sie als Beleg dafür, was dabei herauskommt, wenn ein Philosoph der Natur Vorschriften macht.

Was in der Schrift steht

Hegel referiert am Schluss eine Zahlenreihe aus Platons Timaios und stellt sie der damals verbreiteten Titius-Bode-Reihe gegenüber, aus der man auf einen unentdeckten Planeten zwischen Mars und Jupiter geschlossen hatte. Sein Satz ist konditional: Wenn die Reihe des Timaios zuträfe, dann bliebe zwischen dem vierten und fünften Planeten kein Platz. Ob sie zutrifft, lässt er offen. Ein Beweis, es könne keine weiteren Planeten geben, steht dort nicht.

Und die Chronologie

Giuseppe Piazzi entdeckte Ceres am 1. Januar 1801; Hegels Schrift erschien im August desselben Jahres. Ob es sich überhaupt um einen Planeten handelte, war jahrelang offen — Wilhelm Herschel hielt Ceres im November 1802 für einen Kometen. Heute gilt sie als Zwergplanet. Die Pointe der Anekdote, ein Philosoph sei von der Wirklichkeit überholt worden, setzt einen Befund voraus, den es damals nicht gab.

Was daran wahr bleibt

Bertrand Beaumont hat 1954 in Mind gezeigt, dass die Legende „no foundation whatsoever in Hegel’s texts“ hat; Wolfgang Neuser hat den konditionalen Charakter der Stelle herausgearbeitet. Das entlastet Hegel von dieser Anekdote — nicht von der Frage, wie es um seine Naturphilosophie insgesamt steht. Die ist eine eigene Frage, und sie wird hier behandelt.

Die Anekdote ist lehrreich in anderer Hinsicht: Sie zirkuliert seit über hundert Jahren, ohne dass jemand die Schrift aufschlägt. Man kann daran studieren, wie ein Ruf entsteht.

Fundstellen. G. W. F. Hegel, Dissertatio philosophica de orbitis planetarum, Jena 1801 · Bertrand Beaumont, „Hegel and the Seven Planets“, in: Mind 63 (1954) · Wolfgang Neuser, Einleitung zur Ausgabe der Dissertation, 1986 · Jon Stewart (Hg.), The Hegel Myths and Legends, 1996

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