Ist Hegels Philosophie „Geistphilosophie“?

Kurz: Ja – wenn man darunter versteht, dass der Geist das Prinzip und das Ziel der Wirklichkeit ist. Nein, wenn man darunter versteht, dass Materie, Natur oder das Individuum dabei geleugnet oder abgewertet würden. Die drei großen Einwände gegen Hegel setzen genau diesen Dualismus voraus – und der ist es, den sein absoluter Idealismus bestreitet.

Die drei Vorwürfe

Der materialistische Vorwurf lautet: Hegel mache den Geist – Denken, Ideen, Staat – zum Ersten und lasse ihn die Welt hervorbringen. In Wahrheit sei es umgekehrt: Das materielle Sein bringe den Geist als Überbau hervor. „Geistphilosophie“ heißt hier: Verschleierung wirklicher Machtverhältnisse.

Der naturalistische Vorwurf lautet: „Geist“ sei ein Gespenst in der Maschine. Die empirische Forschung finde Gehirn, neuronale Prozesse, Kausalität – und nichts sonst. „Geistphilosophie“ heißt hier: unwissenschaftliche Metaphysik (dazu die Antwort zur Hirnforschung).

Der existenzialistische Vorwurf lautet: Der absolute Geist schlucke alles Einzelne. Im Gang der Weltgeschichte gehe das einzelne, leidende, existierende Individuum unter. „Geistphilosophie“ heißt hier: Verrat an der subjektiven Wahrheit.

Was der Einwand voraussetzt

Alle drei setzen voraus, dass Geist und Materie – oder Geist und Individuum – zwei getrennte, einander fremde Größen sind, von denen eine die andere verdrängt. Hegels Position ist das Gegenteil dieses Dualismus, und das lässt sich an den Texten zeigen.

Gegen den Materialismus

Die Rechtsphilosophie leugnet die Ökonomie nicht – sie ist die Analyse der Ökonomie. Die § 189§ 208 beschreiben das System der Bedürfnisse, die § 241§ 245 den Zusammenhang von Reichtum, Armut und Pöbel. Der Befund in § 245 – dass die bürgerliche Gesellschaft „nicht reich genug“ ist, ihre eigene Armut zu beheben – ist kein Idealismus, sondern eine Aporie, die Hegel offen stehen lässt.

Der Geist ist bei ihm auch kein Gedanke außerhalb der Welt. Die Vorrede sagt ausdrücklich, die Philosophie habe zu begreifen, was ist, und komme dafür regelmäßig zu spät (siehe die Eule der Minerva). Ob die Antwort trägt, die Hegel gibt – Vermittlung durch Korporation und Staat –, ist eine andere Frage; dass er den Widerspruch übersehen hätte, ist keine.

Gegen den Naturalismus

Hegels Position ist kein Dualismus, sondern der ausdrückliche Versuch, ihn zu vermeiden. Die Naturphilosophie führt zum Geist hin; § 381 der Enzyklopädie bestimmt den Geist als das, was die Natur zur Voraussetzung hat und „deren Wahrheit“ ist. Der Geist ist danach kein zweites Ding neben dem Gehirn, sondern die Form, in der ein Naturwesen sich zu sich selbst verhält – „bei sich selbst zu sein“ (§ 463 Anm.).

Der Preis dafür ist hoch, und er ist zu benennen: Hegel muss dann behaupten, dass die Natur auf den Geist hin angelegt ist. Das ist eine metaphysische These, die sich empirisch weder stützen noch widerlegen lässt. Der Naturalist hat an dieser Stelle einen echten Einwand – nur trifft er nicht das Gespenst, das er zu treffen meint.

Gegen den Existenzialismus

Der Einwand verwechselt zwei Individuen: das abstrakte, das nur Willkür ist, und das konkrete. § 260 verlangt ausdrücklich beides – dass die persönliche Besonderheit „ihre vollständige Entwicklung und die Anerkennung ihres Rechts für sich“ habe und ins Allgemeine übergehe. Die Sittlichkeit ist danach nicht der Ort, an dem der Einzelne verschwindet, sondern der, an dem Gewissen (§ 137), Berufswahl (§ 206) und Familie objektive Geltung haben.

Kierkegaards Einwand ist damit aber nicht erledigt, sondern nur verschoben. Er richtet sich nicht auf das Programm, sondern auf das, was das System mit dem Einzelnen tatsächlich tut – etwa in § 324, wo die Nichtigkeit des Einzelnen im Krieg als sittliches Moment erscheint, oder in § 347, wo die Geister ganzer Völker „rechtlos“ heißen. Wer diese Paragraphen gelesen hat, wird den Vorwurf nicht für gegenstandslos halten.

Was „Geist“ also heißt

Nicht die Leugnung von Materie, Natur oder Individuum, sondern der Anspruch, deren logische Struktur zu begreifen: das, was sich in der Materie, durch die Natur und als freies Individuum verwirklicht. Hegels eigene Formel dafür steht in der Phänomenologie und ist bündiger als jede Erläuterung: der Geist als „Ich, das Wir, und Wir, das Ich ist“.

Fundstellen. Enzyklopädie (1830) §§ 381–384 (Begriff des Geistes), § 463 Anm., §§ 573–577. – Phänomenologie des Geistes, Kapitel IV („Ich, das Wir, und Wir, das Ich ist“). – Grundlinien, Vorrede; § 137, § 189§ 208, § 206, § 241§ 245, § 260, § 324, § 347. – Die drei Einwände in ihrer klassischen Gestalt: Karl Marx, Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie. Einleitung (1844) und Die deutsche Ideologie (1845/46); Ludwig Feuerbach, Grundsätze der Philosophie der Zukunft (1843); Søren Kierkegaard, Abschließende unwissenschaftliche Nachschrift (1846) – dort der Satz, ein logisches System sei möglich, ein Existenzsystem nicht. – Im Glossar: Geist, absoluter Idealismus, objektiver Geist.

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