Ist es nicht naiv, von Freiheit auszugehen? Die Hirnforschung zeigt doch, dass das Gehirn handelt, bevor wir uns frei entscheiden.

Kurz: Die Experimente widerlegen die Freiheit nicht. Sie widerlegen, dass sich auf den Geist die Kategorie der linearen Ursache anwenden lässt. Und sie messen etwas, das Hegel selbst für unfrei hält: den grundlosen Impuls, den er Willkür nennt.

1. Was gemessen wird

Im Libet-Experiment und seinen Nachfolgern wird eine Person aufgefordert, irgendwann den Arm zu heben und den Zeitpunkt des bewussten Entschlusses zu notieren. Gemessen wird, dass ein neuronales Bereitschaftspotential diesem Zeitpunkt vorausgeht. Der Befund ist solide; der Schluss auf die Unfreiheit ist es nicht.

Denn was hier gemessen wird, ist ein isolierter Impuls ohne Grund – „jetzt“ statt einen Moment später, ohne dass etwas davon abhinge. § 15 bestimmt genau das als Willkür und stellt ausdrücklich fest, dass sie nicht die Freiheit ist:

Wenn man sagen hört, die Freiheit überhaupt sei dies, daß man tun könne, was man wolle, so kann solche Vorstellung nur für gänzlichen Mangel an Bildung des Gedankens genommen werden […]. Die Willkür ist, statt der Wille in seiner Wahrheit zu sein, vielmehr der Wille als der Widerspruch.

Grundlinien, § 15 Anm.

Hegel und die Hirnforschung stimmen an dieser Stelle also überein: Der grundlose Impuls ist keine Freiheit. Er ist Natur. Der Streit beginnt erst bei der Frage, ob es außer ihm noch etwas gibt.

2. Der Kategorienfehler

Der zweite und wichtigere Einwand betrifft die Form des Schlusses. Der naturwissenschaftliche Verstand sucht Kausalketten: Ursache A bewirkt Wirkung B. Auf ein Ding angewandt ist das richtig. Auf den Geist angewandt ist es unzureichend, weil der Geist kein Ding ist, das von einem anderen Ding verursacht wird, sondern ein Verhältnis, das sich zu sich selbst verhält.

In der Logik hat dieser Übergang einen bestimmten Ort: Die Kausalität ist dort nicht die letzte Bestimmung, sondern geht in die Wechselwirkung über – und diese in den Begriff, also in dasjenige, was sich selbst bestimmt. Wer die Kausalität für die höchste verfügbare Kategorie hält, hat die Frage schon entschieden, bevor er misst.

3. Wie die Selbstbestimmung aussieht

Freiheit ist bei Hegel kein Augenblick, den man messen könnte, sondern ein Verhältnis mit zwei Seiten.

Der Charakter. Handeln kommt nicht aus dem Nichts, sondern aus dem, was durch Erziehung, Bildung und Gewohnheit erworben wurde. § 151 nennt das die zweite Natur:

die Gewohnheit desselben als eine zweite Natur, die an die Stelle des ersten bloß natürlichen Willens gesetzt und die durchdringende Seele, Bedeutung und Wirklichkeit ihres Daseins ist.

Grundlinien, § 151

Der Abstand. Der Geist ist mit diesem Charakter aber nicht identisch. § 7 bestimmt den freien Willen als die Fähigkeit, sich zu bestimmen und dabei „bei sich“ zu bleiben – also die eigene Bestimmtheit als die seinige zu wissen und nicht durch sie gebunden zu sein. Übersetzt: Die eigene Gewohnheit lässt sich zum Gegenstand machen und an einem Maßstab messen, den man denkt.

Damit bricht die lineare Kette zusammen. Der jetzige Entschluss, der gebildete Charakter und der gedachte Maßstab sind nicht Ursache und Wirkung nacheinander, sondern Momente eines Verhältnisses, in dem jedes das andere bestimmt. Der Charakter ist das Resultat früherer Entschlüsse; der jetzige Entschluss ist der Charakter, der sich zu einem Allgemeinen verhält.

4. Zwei Perspektiven auf dieselbe Sache

Beide Betrachtungen widersprechen sich nicht. Von außen sieht die Naturwissenschaft ein außerordentlich komplexes Organ, das durch Rückkopplung lernt, sich selbst organisiert und eine zweite Natur ausbildet – die materielle Existenz. Von innen begreift die Philosophie dessen Struktur und Zweck. Und die Selbstbeschreibung dieses sich selbst organisierenden Verhältnisses ist genau das, was die Grundlinien darstellen.

Eine Analogie: Ein Techniker sieht auf einer Festplatte eine determinierte Folge magnetischer Ladungen und sagt, es sei nichts als das. Der Leser sagt, es sei Fausts Monolog. Der Techniker hat empirisch recht. Aber die Wahrheit dieser Ladungen ist der Monolog – er entkommt der Physik der Festplatte nicht, er ist ihr Sinn.

Freiheit heißt nicht Entkommen

Freiheit ist bei Hegel nicht die Abwesenheit von Bestimmtheit, sondern deren höchste Form. Unfrei ist, was von außen bestimmt wird – der Stein, der gestoßen wird, der Impuls, der einem widerfährt. Frei ist, was sich selbst bestimmt.

Für die Zurechnung folgt daraus etwas Praktisches: Verantwortung heißt nicht, dass die Tat unbestimmt gewesen wäre. Sie heißt, dass sie aus dem folgt, was jemand ist – und dass er dafür einsteht. Genau so arbeitet auch das geltende Strafrecht; siehe Ist Hegels Straftheorie noch brauchbar?

Fundstellen. Grundlinien § 4§ 7 (die drei Momente des Willens), § 15 und Anm. (Willkür), § 21§ 24, § 151 (zweite Natur), § 132 (Recht des subjektiven Willens). – Wissenschaft der Logik II, Dritter Abschnitt (Kausalität und Wechselwirkung); Enzyklopädie (1830) §§ 153–159. – Zu den Experimenten: Benjamin Libet u. a., „Time of Conscious Intention to Act in Relation to Onset of Cerebral Activity“, Brain 106 (1983); zur philosophischen Kritik des Schlusses aus diesen Befunden vgl. die Debatte um den sogenannten Kategorienfehler des Neurodeterminismus. – Im Glossar: Willkür, Wille, Schluss.

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