347

Dem Volke, dem solches Moment als natürliches Prinzip zukommt, ist die Vollstreckung desselben in dem Fortgange des sich entwickelnden Selbstbewusstseins des Weltgeistes übertragen. Dieses Volk ist in der Weltgeschichte für diese Epoche – und es kann (§ 346) in ihr nur einmal Epoche machen – das herrschende. Gegen dies sein absolutes Recht, Träger der gegenwärtigen Entwicklungsstufe des Weltgeistes zu sein, sind die Geister der anderen Völker rechtlos, und sie, wie die, deren Epoche vorbei ist, zählen nicht mehr in der Weltgeschichte.

Die spezielle Geschichte eines welthistorischen Volks enthält teils die Entwicklung seines Prinzips von seinem kindlichen eingehüllten Zustande aus bis zu seiner Blüte, wo es, zum freien sittlichen Selbstbewusstsein gekommen, nun in die allgemeine Geschichte eingreift, teils auch die Periode des Verfalls und Verderbens; – denn so bezeichnet sich an ihm das Hervorgehen eines höheren Prinzips als nur des Negativen seines eigenen. Damit wird der Übergang des Geistes in jenes Prinzip und so der Weltgeschichte an ein anderes Volk angedeutet, – eine Periode, von welcher aus jenes Volk das absolute Interesse verloren hat, das höhere Prinzip zwar dann auch positiv in sich aufnimmt und sich hineinbildet, aber darin als in einem Empfangenen nicht mit immanenter Lebendigkeit und Frische sich verhält, – vielleicht seine Selbstständigkeit verliert, vielleicht auch sich als besonderer Staat oder ein Kreis von Staaten fortsetzt oder fortschleppt und in mannigfaltigen inneren Versuchen und äußeren Kämpfen nach Zufall herumschlägt.

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Kommentare

4 Kommentare zu „347“

  1. Avatar von Hegel (Enzyklopädie 1817)
    Hegel (Enzyklopädie 1817)

    Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaften im Grundrisse (1817), § 450:

    § 450. Diese Freyheit und das Geschäft derselben ist das höchste und absolute Recht. Das Selbstbewußtseyn eines besondern Volks ist Träger der dießmaligen Entwicklungsstuffe des allgemeinen Geistes in seinem Daseyn, und die objective Wirklichkeit, in welche er seinen Willen legt. Gegen diesen absoluten Willen ist der Wille der andern besondern Volksgeister rechtlos; eben so aber schreitet er über sein jedesmaliges Eigenthum als über eine besondere Stuffe hinaus, und übergiebt es dann seinem Zufall und Gericht.

  2. Avatar von Hegel (Enzyklopädie 1827)
    Hegel (Enzyklopädie 1827)

    Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaften im Grundrisse (1827), § 550:

    § 550. Diese Befreiung des Geistes, in der er zu sich selbst kommt und sich verwirklicht, und das Geschäft derselben ist das höchste und absolute Recht. Das Selbstbewußtseyn eines besondern Volks ist Träger der diesmaligen Entwicklungsstufe des allgemeinen Geistes in seinem Daseyn, und die objective Wirklichkeit, in welche er seinen Willen legt. Gegen diesen absoluten Willen ist der Wille der andern besondern Volksgeister rechtlos, jenes Volk ist das Weltbeherrschende; ebenso aber schreitet er über sein jedesmaliges Eigenthum als über eine besondere Stufe hinaus, und übergibt es dann seinem Zufall und Gericht.

  3. Avatar von Hegel (Enzyklopädie 1830)
    Hegel (Enzyklopädie 1830)

    Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaften im Grundrisse (1830), § 550:

    § 550. Diese Befreiung des Geistes, in der er zu sich selbst zu kommen und seine Wahrheit zu verwirklichen geht, und das Geschäft derselben ist das höchste und absolute Recht. Das Selbstbewußtsein eines besonderen Volkes ist Träger der diesmaligen Entwicklungsstufe des allgemeinen Geistes in seinem Dasein und die objektive Wirklichkeit, in welche er seinen Willen legt. Gegen diesen absoluten Willen ist der Wille der anderen besonderen Volksgeister rechtlos, jenes Volk ist das weltbeherrschende; ebenso aber schreitet er über sein jedesmaliges Eigentum als über eine besondere Stufe hinaus und übergibt es dann seinem Zufall und Gericht.

  4. Avatar von Die logische Entwicklung
    Die logische Entwicklung

    Das Volk, dem das gegenwärtige Prinzip als natürliches zukommt, ist das herrschende — sein absolutes Recht als Träger dieser Stufe macht die Geister der anderen Völker in weltgeschichtlicher Hinsicht rechtlos.

    Der Paragraph zieht die Folgerung aus § 346: Ist jedes Prinzip an ein Volk gebunden und ist zu jeder Zeit nur ein Prinzip die gegenwärtige Stufe, so gibt es je Epoche ein welthistorisches Volk, und es kann diese Rolle nur einmal einnehmen. Rechtlos meint dabei den weltgeschichtlichen Maßstab, nicht das Recht der Staaten untereinander (§§ 331 ff.); Hegel hält diese Trennung aber nicht durch — in § 350 leitet er aus dem absoluten Recht der Idee das Heroenrecht zur Stiftung von Staaten ab, und in § 351 wird daraus ein praktisch ungleiches Recht gegen Völker, denen die substantiellen Momente des Staats fehlen. Die Anmerkung zeigt, wie der Übergang sich im Untergehenden selbst anzeigt: Der Verfall eines Volkes ist die negative Seite des Hervortretens eines höheren Prinzips, das dieses Volk nachträglich zwar aufnehmen, aber nicht mehr aus sich erzeugen kann.

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