Kurz: Es gibt gute Videos, aber nicht das, was man am ehesten suchen würde. Für die Phänomenologie existiert ein vollständiger Lektürekurs; für die Wissenschaft der Logik ebenfalls. Für die Grundlinien der Philosophie des Rechts gibt es im deutschen Sprachraum keinen einzigen durchgehenden Videokurs – nur eine Viertelstunde Überblick.
Deutsch
- „15 Minuten Hegel“ (Sebastian Ostritsch, Universität Stuttgart) – zehn Folgen zu je etwa einer Viertelstunde, fachlich solide und trotzdem hörbar. Der beste erste Zugang auf Deutsch. Folge 8 behandelt die Rechtsphilosophie; Folge 7 die Logik.
- Sternstunde Philosophie: Gespräch mit Dina Emundts (SRF, 2020) – knapp eine Stunde Gespräch mit einer ausgewiesenen Hegel-Forscherin. Für den ersten Überblick das Vernünftigste, was es im Fernsehformat gibt.
- Ringvorlesung „Das Wahre ist das Ganze“ (Universität Stuttgart, 2021) – rund zehn Vorträge à eineinhalb Stunden, nach Systemteilen geordnet, darunter „Hegel und die praktische Philosophie“. Fachniveau, für Fortgeschrittene.
- Gert Scobel, „Hegel – wer ist der Jahrhundert-Philosoph?“ (3sat) – populär, aber nicht platt.
- Julia Peters, „Hegels Philosophie des Geistes“ (LMU München) – eine echte Universitätsvorlesung, frei zugänglich, nicht auf YouTube.
Englisch
- Gregory B. Sadler, „Half Hour Hegel“ – der Goldstandard: rund 376 Videos zu je einer halben Stunde, die die Phänomenologie des Geistes Absatz für Absatz durchgehen, bis zum Schlussparagraphen. Neun Jahre Arbeit. Wer wissen will, wie langsam man Hegel lesen muss, sieht es hier.
- Stephen Houlgate, „Hegel’s Science of Logic“ (Hegel Society of Great Britain) – achtzehn Vorlesungen zur Wissenschaft der Logik, der beste frei verfügbare Kurs dazu.
- Kevin Thompson, „Hegel’s Science of Logic Lecture Course“ (DePaul University, September 2024 – März 2025) – 40 Videos, die die Wissenschaft der Logik vollständig durchgehen, von der historischen Orientierung bis zum Ende. Ein echter Universitätskurs, kein Erklärformat: Sitzung für Sitzung am Text, systematisch streng. Für Leser dieser Ausgabe besonders lohnend, weil Thompson zugleich der Verfasser der wichtigsten neueren Arbeit über die Methode der Grundlinien ist (siehe unten) – der Logik-Kurs ist die Vorarbeit dazu. Der Mitschnitt liegt auf dem Kanal eines Kursteilnehmers.
- Ken Foldes, „Introduction to Hegel’s Phenomenology of Spirit“ – neun Vorlesungen in 36 Videos; die kompakte Alternative zu Sadler.
- Robert Brandom, Hegel-Vorlesungen (LMU München 2011) – anspruchsvolle systematische Deutung; nichts für den Anfang.
Die Lücke
Zu den Grundlinien gibt es keinen durchgehenden Videokurs. Am nächsten kommen Ostritschs fünfzehn Minuten (siehe oben), mittelbar Thompsons Logik-Kurs – wer dessen Methodenbuch zur Rechtsphilosophie liest, hat dort die Vorlesung dazu – und, nur als Tonaufnahme, ein vollständiger Vorlesungskurs von Richard Dien Winfield in zwanzig Sitzungen auf englisch. Das ist der Stand.
Wer eine kontroverse Gegenwartsdeutung sucht, findet sie im fünfteiligen Interview mit Todd McGowan zu Emancipation After Hegel – Hegel als Denker des unaufhebbaren Widerspruchs, nicht der Versöhnung. Das ist keine Einführung, sondern eine These, und sie ist als solche zu lesen.
Ein Vorbehalt
Videos erklären, was jemand verstanden hat. Sie ersetzen nicht den Vollzug – siehe Wozu Hegel mühsam lesen, wenn die KI es erklären kann? Am nützlichsten sind sie neben dem Text, nicht statt seiner: eine Folge sehen, dann den Paragraphen lesen, dann prüfen, ob beides zusammenpasst.
Literatur. Kevin Thompson, Hegel’s Theory of Normativity. The Systematic Foundations of the Philosophical Science of Right, Evanston 2019 – die Buchfassung dessen, was in seinem Logik-Kurs methodisch vorbereitet wird. – Hinweis. Die Angaben wurden im September 2026 geprüft; Kanäle und Playlists können sich ändern. Laufzeiten und Uploaddaten sind nicht im Einzelnen nachgeprüft.
