War Hegel Christ, Pantheist oder Atheist?

Kurz: Hegel war getaufter Lutheraner und hat sich zeitlebens als solcher bezeichnet. Den Vorwurf des Pantheismus hat er ausdrücklich und ausführlich zurückgewiesen – und den Vorwurf des Atheismus für den ehrlicheren der beiden gehalten. Ob das, was er „Gott“ nennt, noch der Gott des Glaubens ist, ist seit seinem Tod die eigentliche Streitfrage. Sie ist bis heute nicht entschieden.

Der biographische Befund

Hegel hat im Tübinger Stift Theologie studiert und das theologische Examen abgelegt. Er ist nie aus der Kirche ausgetreten, hat seine Kinder taufen lassen und sich noch als Berliner Professor auf die lutherische Konfession berufen – gegen einen Briefpartner, der ihm gerade Unglauben vorwarf:

Ich bin ein Lutheraner und durch Philosophie ebenso ganz im Luthertum befestigt.

Brief an F. A. G. Tholuck, 3. Juli 1826

Damit ist die biographische Frage beantwortet und die philosophische noch gar nicht gestellt. Denn Hegel meint das nicht als Bekenntnis neben der Philosophie, sondern als Behauptung über sie: die Philosophie bestätige, was der Glaube vorstellt. Genau daran entzündet sich der Streit.

Warum „Pantheist“ falsch ist

Pantheismus heißt in der üblichen Rede: Gott ist die Welt, die Welt ist Gott. Hegel hält das nicht für eine gefährliche, sondern für eine dürftige Lehre – und bestreitet, dass irgendein Philosoph sie je vertreten hat:

Aber die Abgötterei des elenden Inders, indem er den Affen oder was sonst anbetet, ist immer noch nicht jene elende Vorstellung des Pantheismus, daß Alles Gott, Gott Alles sei.

Enzyklopädie (1830), § 573 Anm.

Sein Argument ist nüchtern: Wer „Alles“ sagt, meint entweder die leere Einheit eines Gedankendings – dann hat er nichts gesagt – oder die wirkliche, endlose Menge der einzelnen Dinge. Und von der hat noch nie jemand behauptet, sie sei Gott.

Es ist aber jene Täuschung mit der leeren Einheit, welche allein die schlechte Vorstellung eines Pantheismus möglich macht und herbeiführt.

Enzyklopädie (1830), § 573 Anm.

Für die Systeme, die man gewöhnlich pantheistisch nennt – die Eleaten, Spinoza – schlägt er deshalb den umgekehrten Namen vor. Sie machen nicht die Welt zu Gott, sondern lassen die Welt verschwinden:

daß man sie richtiger als Monotheismen und, in Beziehung auf die Vorstellung von der Welt, als Akosmismen zu bezeichnen hätte.

Enzyklopädie (1830), § 573 Anm.

Warum ihm der Atheismus-Vorwurf lieber war

Der Vorwurf des Atheismus war zu Hegels Zeit bereits aus der Mode; der des Pantheismus war der neue. Hegel hält den alten für den anständigeren, weil er wenigstens etwas behauptet:

Die Beschuldigung des Atheismus setzt doch eine bestimmte Vorstellung von einem inhaltsvollen Gott voraus und entsteht dann daher, daß die Vorstellung die eigentümlichen Formen, an welche sie gebunden ist, in den philosophischen Begriffen nicht wiederfindet.

Enzyklopädie (1830), § 573 Anm.

Der Pantheismus-Vorwurf dagegen komme aus einer Theologie, die selbst nichts mehr von Gott wissen wolle und die Religion auf ein Gefühl zurückgenommen habe. Wer nur noch „einen Gott überhaupt“ kenne, finde eben überall einen – und könne dann der Philosophie schlecht vorwerfen, sie habe keinen.

Denn diese neue Theologie, welche die Religion nur zu einem subjektiven Gefühle macht und die Erkenntnis der Natur Gottes leugnet, behält damit weiter nichts als einen Gott überhaupt ohne objektive Bestimmungen.

Enzyklopädie (1830), § 573 Anm.

Die Pointe der Stelle ist also nicht defensiv, sondern offensiv: Hegel wirft der Frömmigkeit vor, zu wenig Gott zu haben, während sie ihm vorwirft, zu viel zu haben.

Wo der Streit wirklich liegt

Hegel sagt, Religion und Philosophie hätten denselben Inhalt und unterschieden sich nur in der Form: die Religion hat ihn als Vorstellung, die Philosophie als Begriff. Das lässt sich in zwei Richtungen lesen, und beide Richtungen sind noch zu Lebzeiten seiner Schüler eingeschlagen worden:

– Die eine liest es so, dass der Begriff die Vorstellung rechtfertigt: Die Philosophie beweist, was der Christ glaubt. Das ist die Lesart der später sogenannten Rechtshegelianer.
– Die andere liest es so, dass der Begriff die Vorstellung ersetzt: Was im Glauben als jenseitiger Gott vorgestellt wird, ist in Wahrheit der Geist der Menschen selbst. Das ist die Lesart der Linkshegelianer, aus der die Religionskritik des 19. Jahrhunderts hervorgegangen ist.

Beide berufen sich auf dieselben Texte. Hegel hat die Frage, welche der beiden Lesarten die seine sei, nicht entschieden – und es spricht einiges dafür, dass er sie für falsch gestellt hielt.

Was davon in den Grundlinien vorkommt

Für die Rechtsphilosophie ist das keine Nebenfrage, denn zu Hegels Zeit wurde behauptet, die Religion sei die Grundlage des Staates. Hegel gibt dem in § 270 Anm. genau so weit nach, wie er muss – und keinen Schritt weiter:

Wenn nun die Religion so die Grundlage ausmacht, welche das Sittliche überhaupt und näher die Natur des Staats als den göttlichen Willen enthält, so ist es zugleich nur Grundlage, was sie ist, und hier ist es, worin beide auseinandergehen.

Grundlinien, § 270 Anm.

Und er hält in derselben Anmerkung fest, dass Religion auch das Gegenteil bewirken kann – sie kann eine Form annehmen, die „die härteste Knechtschaft unter den Fesseln des Aberglaubens“ zur Folge hat. Gegen sie sei dann „eine rettende Macht gefordert“: der Staat. Wer Hegel für einen Theokraten hält, hat § 270 nicht gelesen. Ausführlich dazu: Staat und Religion.

Fundstellen. Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaften (1830), § 573 Anm. (TWA 10, 378–394) – die zusammenhängendste Erörterung des Pantheismus- und Atheismusvorwurfs; ferner § 50 Anm. und § 71 Anm. – Grundlinien § 270 Anm. zum Verhältnis von Staat und Religion. – Brief an Friedrich August Gottreu Tholuck vom 3. Juli 1826 (Briefe von und an Hegel, hrsg. J. Hoffmeister, Bd. IV/1). – Die Spaltung in Rechts- und Linkshegelianer geht auf David Friedrich Strauß zurück, der die Begriffe 1837 in die Debatte einführte. – Siehe auch die Antwort auf die Frage Ist der Staat bei Hegel Gott?

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