190

a. Die Art des Bedürfnisses und der Befriedigung

Das Tier hat einen beschränkten Kreis von Mitteln und Weisen der Befriedigung seiner gleichfalls beschränkten Bedürfnisse. Der Mensch beweist auch in dieser Abhängigkeit zugleich sein Hinausgehen über dieselbe und seine Allgemeinheit, zunächst durch die Vervielfältigung der Bedürfnisse und Mittel, und dann durch Zerlegung und Unterscheidung des konkreten Bedürfnisses in einzelne Teile und Seiten, welche verschiedene partikularisierte, damit abstraktere Bedürfnisse werden.

Im Rechte ist der Gegenstand die Person, im moralischen Standpunkt das Subjekt, in der Familie das Familienglied, in der bürgerlichen Gesellschaft überhaupt der Bürger (als bourgeois) – hier auf dem Standpunkte der Bedürfnisse (vgl. § 123 Anm.) ist es das Konkretum der Vorstellung, das man Mensch nennt; – es ist also erst hier und auch eigentlich nur hier vom Menschen in diesem Sinne die Rede.

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Kommentare

3 Kommentare zu „190“

  1. Avatar von Eduard Gans (Zusatz)
    Eduard Gans (Zusatz)

    Das Tier ist ein Partikulares, es hat seinen Instinkt und die abgegrenzten, nicht zu übersteigenden Mittel der Befriedigung. Es gibt Insekten, die an eine bestimmte Pflanze gebunden sind, andere Tiere, die einen weiteren Kreis haben, in verschiedenen Klimaten leben können; aber es tritt immer ein Beschränktes gegen den Kreis ein, welcher für den Menschen ist. Das Bedürfnis der Wohnung und Kleidung, die Notwendigkeit, die Nahrung nicht mehr roh zu lassen, sondern sie sich adäquat zu machen und ihre natürliche Unmittelbarkeit zu zerstören, macht, daß es der Mensch nicht so bequem hat wie das Tier und es als Geist auch nicht so bequem haben darf. Der Verstand, der die Unterschiede auffaßt, bringt Vervielfältigung in diese Bedürfnisse, und indem Geschmack und Nützlichkeit Kriterien der Beurteilung werden, sind auch die Bedürfnisse selbst davon ergriffen. Es ist zuletzt nicht mehr der Bedarf, sondern die Meinung, die befriedigt werden muß, und es gehört eben zur Bildung, das Konkrete in seine Besonderheiten zu zerlegen. In der Vervielfältigung der Bedürfnisse liegt gerade eine Hemmung der Begierde, denn wenn die Menschen vieles gebrauchen, ist der Drang nach einem, dessen sie bedürftig wären, nicht so stark, und es ist ein Zeichen, daß die Not überhaupt nicht so gewaltig ist.

  2. Avatar von Die logische Entwicklung
    Die logische Entwicklung

    Zerlegung des konkreten Bedürfnisses in partikularisierte, damit abstraktere Bedürfnisse — daran erweist sich die Allgemeinheit des Menschen als Hinausgehen über die Naturbestimmtheit.

    Der Vergleich mit dem Tier dient nicht der Anschaulichkeit, sondern führt einen logischen Unterschied vor: das Tier hat, wie Hegel sagt, einen beschränkten Kreis von Mitteln und Weisen der Befriedigung und bleibt in ihm, der Mensch dagegen tritt zu seinem Bedürfnis in Abstand und kann es teilen, vervielfältigen und unterscheiden. Eben diese Fähigkeit, sich vom eigenen Bestimmtsein zu lösen, ist das, was Hegel Allgemeinheit nennt — sie zeigt sich hier paradoxerweise gerade in der Vermehrung des Besonderen. Abstrakter heißt dabei nicht geistiger, sondern ärmer: aus dem einen ganzen Bedürfnis werden viele isolierte, von denen jedes für sich weniger ist als das ursprüngliche.

  3. Avatar von Hegel (einfach)
    Hegel (einfach)

    § 190: Der Mensch hat mehr Bedürfnisse als das Tier

    Ein Tier hat wenige, feste Bedürfnisse. Und es hat wenige, feste Mittel, sie zu stillen. Manche Insekten leben nur von einer einzigen Pflanze.

    Beim Menschen ist das anders. Er vervielfältigt seine Bedürfnisse. Er will nicht nur essen, sondern gekocht, gewürzt, auf einem Teller. Er zerlegt ein Bedürfnis in viele einzelne Teile.

    Ist das ein Mangel?

    Nein. Darin zeigt der Mensch, dass er über die bloße Natur hinausgeht. Er hat es nicht so bequem wie ein Tier. Als Geist darf er es auch nicht so bequem haben.

    Wer ist hier „der Mensch“?

    Im Recht war er Person. In der Moral war er Subjekt. In der Familie ist er Familienmitglied. In der bürgerlichen Gesellschaft ist er Bürger. Und hier, bei den Bedürfnissen, ist er einfach „der Mensch“. Nur hier spricht man eigentlich in diesem Sinn vom Menschen.

    Zusammenfassung: Der Mensch vervielfältigt seine Bedürfnisse und zerlegt sie in viele Teile. Darin geht er über das Tier hinaus. Bei den Bedürfnissen erscheint er als „der Mensch“.

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