212

In dieser Identität des Ansichseins und des Gesetztseins hat nur das als Recht Verbindlichkeit, was Gesetz ist. Indem das Gesetztsein die Seite des Daseins ausmacht, in der auch das Zufällige des Eigenwillens und anderer Besonderheit eintreten kann, so kann das, was Gesetz ist, in seinem Inhalte noch von dem verschieden sein, was an sich Recht ist.

Im positiven Rechte ist daher das, was gesetzmäßig ist, die Quelle der Erkenntnis dessen, was Recht ist, oder eigentlich, was Rechtens ist; – die positive Rechtswissenschaft ist insofern eine historische Wissenschaft, welche die Autorität zu ihrem Prinzip hat. Was noch übriges geschehen kann, ist Sache des Verstandes und betrifft die äußere Ordnung, Zusammenstellung, Konsequenz, weitere Anwendung u. dgl. Wenn der Verstand sich auf die Natur der Sache selbst einlässt, so zeigen die Theorien, z. B. des Kriminalrechts, was er mit seinem Räsonnement aus Gründen anrichtet. – Indem die positive Wissenschaft einerseits nicht nur das Recht, sondern auch die notwendige Pflicht hat, sowohl die historischen Fortgänge als die Anwendungen und Zerspaltungen der gegebenen Rechtsbestimmungen in alle Einzelnheiten aus ihren positiven Datis zu deduzieren und ihre Konsequenz zu zeigen, so darf sie auf der andern Seite sich wenigstens nicht absolut verwundern, wenn sie es auch als eine Querfrage für ihre Beschäftigung ansieht, wenn nun gefragt wird, ob denn nach allen diesen Beweisen eine Rechtsbestimmung vernünftig ist. – Vgl. über das Verstehen § 3 Anm.

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Kommentare

Ein Kommentar zu „212“

  1. Avatar von Die logische Entwicklung
    Die logische Entwicklung

    In der Identität von Ansichsein und Gesetztsein bricht der Unterschied sogleich wieder auf: weil das Gesetztsein die Seite des Daseins ist, in die Zufälliges eintritt, kann der Inhalt des Gesetzes von dem abweichen, was an sich Recht ist.

    § 211 hatte das an sich seiende und das gesetzte Recht in eins gesetzt; hier zeigt Hegel, dass diese Einheit sich notwendig wieder spaltet. Dasein heißt Dasein unter Bedingungen, und in diese Seite dringt Zufälliges ein — Eigenwille, historische Besonderheit, überkommene Institution. Daraus folgt ein doppelter Befund, der nicht aufgelöst, sondern ausgehalten wird: verbindlich ist allein, was Gesetz ist, und dennoch kann das Geltende unvernünftig sein. Deshalb ist die positive Rechtswissenschaft eine historische Wissenschaft, die die Autorität zum Prinzip hat und aus dem gegebenen Material folgerichtig ableitet; die Frage, ob eine Bestimmung vernünftig sei, liegt außerhalb ihres Verfahrens, darf ihr aber nicht als sachfremde Störung gelten.

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