247

Wie für das Prinzip des Familienlebens die Erde, fester Grund und Boden, Bedingung ist, so ist für die Industrie das nach außen sie belebende natürliche Element das Meer. In der Sucht des Erwerbs, dadurch, dass sie ihn der Gefahr aussetzt, erhebt sie sich zugleich über ihn und versetzt das Festwerden an der Erdscholle und den begrenzten Kreisen des bürgerlichen Lebens, seine Genüsse und Begierden, mit dem Elemente der Flüssigkeit, der Gefahr und des Unterganges. So bringt sie ferner durch dies größte Medium der Verbindung entfernte Länder in die Beziehung des Verkehrs, eines den Vertrag einführenden rechtlichen Verhältnisses, in welchem Verkehr sich zugleich das größte Bildungsmittel und der Handel seine welthistorische Bedeutung findet.

Dass die Flüsse keine natürlichen Grenzen sind, für welche sie in neueren Zeiten haben sollen geltend gemacht werden, sondern sie und ebenso die Meere vielmehr die Menschen verbinden, dass es ein unrichtiger Gedanke ist, wenn Horaz sagt (Carmina I, 3):

… deus abscidit
Prudens Oceano dissociabili
Terras …1,

zeigen nicht nur die Bassins der Flüsse, die von einem Stamme oder Volke bewohnt werden, sondern auch z. B. die sonstigen Verhältnisse Griechenlands, Ioniens und Großgriechenlands, [der] Bretagne und Britanniens, Dänemarks und Norwegens, Schwedens, Finnlands, Livlands usf. – vornehmlich auch im Gegensatze des geringeren Zusammenhangs der Bewohner des Küstenlandes mit denen des inneren Landes. – Welches Bildungsmittel aber in dem Zusammenhange mit dem Meere liegt, dafür vergleiche man das Verhältnis der Nationen, in welchen der Kunstfleiß aufgeblüht ist, zum Meere mit denen, die sich die Schifffahrt untersagt [haben] und, wie die Ägypter, die Inder, in sich verdumpft und in den fürchterlichsten und schmählichsten Aberglauben versunken sind, – und wie alle großen, in sich strebenden Nationen sich zum Meere drängen.

  1. “ … ein weiser Gott hat die Länder vom ungastlichen Meer getrennt … “ ↩︎

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Kommentare

Ein Kommentar zu „247“

  1. Avatar von Die logische Entwicklung
    Die logische Entwicklung

    Dem Prinzip des Familienlebens ist die Erde als fester Grund und Boden Bedingung, der Industrie das Meer — indem sie den Erwerb der Gefahr aussetzt, erhebt sie sich zugleich über ihn.

    Der Paragraph ordnet den beiden entwickelten Prinzipien ihr natürliches Element zu und gewinnt daraus eine Bestimmung. Die Familie ruht auf Grund und Boden, also auf dem Bleibenden; die Industrie, die über sich hinausgetrieben ist (§ 246), findet im Meer ein Element, das kein Festwerden zulässt. Der eigentliche Zug liegt darin, dass die Industrie sich, indem sie den Erwerb der Gefahr aussetzt, über den Erwerb erhebt: Sie bleibt nicht bei dem stehen, worauf sie ausgeht, sondern setzt es aufs Spiel und ist damit schon mehr als bloße Erwerbssucht. Der Seeverkehr erzeugt überdies ein rechtliches Verhältnis — den Vertrag — zwischen Ländern, die sonst nichts verbindet, und in eben diesem Verkehr findet Hegel das größte Bildungsmittel und die welthistorische Bedeutung des Handels.

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