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|351| 1. Das orientalische Reich

Dies erste Reich ist die vom patriarchalischen Naturganzen ausgehende, in sich ungetrennte, substantielle Weltanschauung, in der die weltliche Regierung Theokratie, der Herrscher auch Hoherpriester oder Gott, Staatsverfassung und Gesetzgebung zugleich Religion, so wie die religiösen und moralischen Gebote oder vielmehr Gebräuche ebenso Staats- und Rechtsgesetze sind. In der Pracht dieses Ganzen geht die individuelle Persönlichkeit rechtlos unter, die äußere Natur ist unmittelbar göttlich oder ein Schmuck des Gottes, und die Geschichte der Wirklichkeit Poesie. Die nach den verschiedenen Seiten der Sitten, Regierung und des Staats hin sich entwickelnden Unterschiede werden, an der Stelle der Gesetze, bei einfacher Sitte, schwerfällige, weitläufige, abergläubische Zeremonien, – Zufälligkeiten persönlicher Gewalt und willkürlichen Herrschens, und die Gliederung in Stände eine natürliche Festigkeit von Kasten. Der orientalische Staat ist daher nur lebendig in seiner Bewegung, welche, da in ihm selbst nichts stet und, was fest ist, versteinert ist, nach außen geht, ein elementarisches Toben und Verwüsten wird; die innerliche Ruhe ist ein Privatleben und Versinken in Schwäche und Ermattung.

Das Moment der noch substantiellen, natürlichen Geistigkeit in der Staatsbildung, das als Form in der Geschichte jedes Staats den absoluten Ausgangspunkt macht, ist an den besonderen Staaten geschichtlich zugleich mit tiefem Sinn und mit Gelehrsamkeit, in der Schrift: Vom Untergange der Naturstaaten Berlin 1812 (vom Herrn Dr. Stuhr) hervorgehoben und nachgewiesen, und |352| damit der vernünftigen Betrachtung der Geschichte der Verfassung und der Geschichte überhaupt der Weg gebahnt. Das Prinzip der Subjektivität und selbstbewussten Freiheit ist dort gleichfalls in der germanischen Nation aufgezeigt, jedoch, indem die Abhandlung nur bis zum Untergang der Naturstaaten geht, auch nur bis dahin geführt, wo es teils als unruhige Beweglichkeit, menschliche Willkür und Verderben, teils in seiner besonderen Gestalt als Gemüt erscheint, und sich nicht bis zur Objektivität der selbstbewussten Substantialität, zu organischer Gesetzlichkeit, entwickelt hat.

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Kommentare

2 Kommentare zu „355“

  1. Avatar von Die logische Entwicklung
    Die logische Entwicklung

    Das erste Prinzip in seiner Erscheinung — ungetrennte Substantialität, in der die Persönlichkeit rechtlos untergeht und der fehlende innere Unterschied sich nach außen als elementarisches Toben kehrt.

    Der Paragraph zeigt das erste der vier Prinzipien in der Gestalt, die Hegel ihm zuschreibt: Weil die Einheit noch keinen Unterschied in sich gesetzt hat, fallen nach seiner Darstellung Religion, Staatsverfassung, Gesetzgebung und Sitte in eins, und die individuelle Persönlichkeit geht rechtlos unter, weil sie sich vom Ganzen noch nicht abgelöst hat. Was sich dennoch unterscheidet, kann bei Hegel nicht die Form des Gesetzes annehmen, sondern erstarrt zu Zeremonie und Kaste — Bestimmungen, die vorhanden, aber nicht gedacht sind. Daraus folgt Hegels Schlusssatz über die Bewegung nach außen: Ein Ganzes, in dem sich innerlich nichts bewegen kann, hat seine Beweglichkeit nur noch als äußeres Ausgreifen.

  2. Avatar von Hegel (einfach)
    Hegel (einfach)

    § 355: Das orientalische Reich

    Das erste Reich geht von der Herrschaft der Väter aus, von einem Ganzen der Natur. Hier ist noch nichts getrennt.

    Wie sieht es aus?

    Die Regierung ist Herrschaft der Priester. Der Herrscher ist zugleich Hoherpriester oder selbst Gott. Verfassung und Gesetz sind zugleich Religion. Gebote der Religion und der Sitte sind zugleich Gesetze des Staates.

    Und der Einzelne?

    In der Pracht dieses Ganzen geht er rechtlos unter. Die Natur gilt als göttlich. Statt Gesetzen gibt es umständliche, abergläubische Zeremonien. Und die Willkür persönlicher Gewalt. Die Stände erstarren zu Kasten.

    Ruhe und Toben:

    In diesem Staat ist nichts beweglich. Was fest ist, ist versteinert. Lebendig ist er nur, wenn er sich nach außen wendet. Dann wird er ein wildes Toben und Verwüsten. Die Ruhe im Innern ist Schwäche und Ermattung.

    Zusammenfassung: Im orientalischen Reich sind Staat und Religion eins. Der Einzelne geht darin rechtlos unter. Nach innen ist alles erstarrt, nach außen tobt es verwüstend.

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