Ist Hegel ein Verbündeter der Konservativen?

Kurz: Teilweise – und dann auf eine Weise, die Sie vermutlich nicht wollen. Hegel liefert die stärksten Argumente gegen den Konstruktivismus in der Politik. Er liefert zugleich die schärfsten Sätze gegen die Berufung auf Herkommen, Volksgeist und die Weisheit der Vorfahren, die im 19. Jahrhundert geschrieben wurden.

Was dafür spricht

Erstens: Verfassungen werden nicht gemacht. § 273 Anm. behandelt die Frage, wer die Verfassung machen solle, als sinnlos – entweder es gibt noch keine, dann hat es der Begriff mit einem bloßen „Haufen von Individuen“ zu tun, oder es gibt eine, dann heißt „machen“ nur ändern, und zwar auf verfassungsmäßigem Wege.

Überhaupt aber ist es schlechthin wesentlich, daß die Verfassung, obgleich in der Zeit hervorgegangen, nicht als ein Gemachtes angesehen werde.

Grundlinien, § 273 Anm.

Zweitens: Institutionen tragen mehr als Gesinnungen. Hegels ganze Sittlichkeit ist eine Absage an die Vorstellung, gutes Zusammenleben beruhe auf gutem Wollen. Und drittens: Die Warnung vor dem Neuanfang „ganz von vorne und vom Gedanken“ in § 258 Anm. ist von konservativer Seite oft und mit einigem Recht zitiert worden.

Was dagegen spricht

Hegels bekanntester Satz gegen die historische Rechtfertigung steht in § 3 Anm. und trifft die konservative Argumentationsfigur ins Zentrum:

eine Rechtsbestimmung kann sich aus den Umständen und vorhandenen Rechtsinstitutionen als vollkommen gegründet und konsequent zeigen lassen und doch an und für sich unrechtlich und unvernünftig sein.

Grundlinien, § 3 Anm.

Und er dreht das Argument um: Wer eine Einrichtung mit ihrem damaligen Nutzen rechtfertigt, hat gezeigt, dass sie heute – da die Umstände fehlen – „ihren Sinn und ihr Recht verloren hat“. Sein Beispiel sind die Klöster.

Noch deutlicher wird die Fußnote zu § 258. Sie gilt Carl Ludwig von Haller, dem führenden Restaurationsdenker, dem Hegel „einen völligen Mangel an Gedanken“ bescheinigt und dessen Feindschaft gegen Gesetzbücher er mit einem Satz erledigt, den man auswendig können sollte:

Der Haß des Gesetzes, gesetzlich bestimmten Rechts ist das Schiboleth, an dem sich der Fanatismus, der Schwachsinn und die Heuchelei der guten Absichten offenbaren.

Grundlinien, § 258 Anm., Fußnote

Dazu kommt die Sache selbst: Hegels Staat hat eine geschriebene Verfassung, Gewaltenteilung, öffentliche Gerichtsverhandlungen, Geschworene, Gewerbefreiheit, Berufswahl, Pressefreiheit und die rechtliche Gleichstellung der Juden (§ 270 Anm.). Er war 1820 kein konservatives, sondern ein reformerisches Programm.

Der eigentliche Gewinn

Hegel ist für Konservative deshalb interessant, weil er die konservative Einsicht ohne die konservative Bequemlichkeit hat. Dass Institutionen älter und klüger sind als die Absichten ihrer Träger – ja. Dass daraus folgt, sie in Ruhe zu lassen – nein. Die Bewährung einer Ordnung liegt für ihn nicht in ihrem Alter, sondern darin, dass sie die Freiheit ihrer Mitglieder aushält. Was das nicht tut, hat sein Recht verloren, gleich wie lange es besteht.

Fundstellen. Grundlinien § 3 und Anm., § 211 Anm., § 258 Anm. mit Fußnote (gegen Carl Ludwig von Haller), § 270 Anm., § 273 Anm. (Verfassung nicht als Gemachtes), § 298§ 320. – Vorrede der Grundlinien. – Siehe auch War Hegel der preußische Staatsphilosoph?Literatur. Joachim Ritter, Hegel und die Französische Revolution, Köln 1957; Henning Ottmann, Individuum und Gemeinschaft bei Hegel, Berlin 1977; Franz Rosenzweig, Hegel und der Staat, München 1920.

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