Ist die Geschichte bei Hegel menschengemacht – oder deterministisch?

Kurz: Die Frage beruht auf einem falschen Gegensatz. Die Geschichte ist nicht entweder das eine oder das andere. Sie ist der Vorgang, in dem sich eine Notwendigkeit durch nichts anderes als menschliche Leidenschaften hindurch verwirklicht – und der bei Hegel ausdrücklich weder blindes Schicksal noch bloßer Zufall ist.

Der Stoff: ja, menschengemacht

Die Handelnden, das Material und der Antrieb der Geschichte sind ausschließlich Menschen. Der Motor sind ihre Interessen, Begierden, Ehrgeiz, Habgier, Liebe und Hass; sie handeln, um ihre besonderen Zwecke zu erreichen, und glauben dabei, ihre eigene Geschichte zu machen. Ohne diese Taten gäbe es keine Geschichte. Hegel bestreitet das nicht – er bestreitet nur, dass damit alles gesagt sei. Wem der Geist ein leeres Wort bleibe, dem werde die Geschichte

ein oberflächliches Spiel zufälliger, sogenannter nur menschlicher Bestrebungen und Leidenschaften.

Grundlinien, § 343 Anm.

Die Form: ja, notwendig – aber kein Schicksal

Hinter dem scheinbar chaotischen Treiben wirkt eine Notwendigkeit. Sie ist aber weder ein blindes Verhängnis noch ein äußerer Gott, der Marionetten tanzen lässt. § 342 schließt beides in einem Satz aus:

Die Weltgeschichte ist ferner nicht das bloße Gericht seiner Macht, d. i. die abstrakte und vernunftlose Notwendigkeit eines blinden Schicksals, sondern … die aus dem Begriffe nur seiner Freiheit notwendige Entwicklung der Momente der Vernunft und damit seines Selbstbewusstseins und seiner Freiheit – die Auslegung und Verwirklichung des allgemeinen Geistes.

Grundlinien, § 342

Die Notwendigkeit ist also eine begriffliche: Der Geist kann eine Stufe seines Selbstverständnisses nicht überspringen, so wenig wie ein Beweis einen Schritt überspringen kann. Was sich entwickelt, ist das Bewusstsein der Freiheit – und mit ihm die Institutionen, in denen sie wirklich wird.

Wie beides zusammenkommt: bewusstlose Werkzeuge

Die Verbindung leistet nicht ein Plan, den jemand kennt, sondern die Struktur des Handelns selbst. § 344 sagt es ohne Umschweife: Staaten, Völker und Individuen verfolgen ihr eigenes Prinzip, dessen sie sich bewusst sind –

… und in deren Interesse vertieft sie zugleich bewusstlose Werkzeuge und Glieder jenes inneren Geschäfts sind, worin diese Gestalten vergehen, der Geist an und für sich aber sich den Übergang in seine nächste höhere Stufe vorbereitet und erarbeitet.

Grundlinien, § 344

Das ist der Sachverhalt, den Hegel anderswo List der Vernunft nennt – der Ausdruck selbst steht nicht in den Grundlinien, sondern in der Wissenschaft der Logik (Lehre vom Zweck) und in den Vorlesungen über die Philosophie der Geschichte. Die Sache steht in § 344.

Die welthistorischen Individuen – ein Cäsar, ein Napoleon – sind der Grenzfall. Sie verfolgen ihre eigene Macht und ihren eigenen Ruhm; was sie dabei wirklich tun, bleibt ihnen nach § 348 ausdrücklich verborgen und ist „nicht Objekt und Zweck“. Indem sie rücksichtslos ihre Leidenschaft ausleben, zerstören sie eine alte Ordnung und schaffen die Voraussetzung der nächsten – ohne es zu wissen und ohne dafür Dank zu ernten.

Der Preis

Man sollte § 345 mitlesen, bevor man diesen Gedanken tröstlich findet. Gerechtigkeit und Unrecht, Schuld und Unschuld, Glück und Unglück der Staaten und der Einzelnen haben nach Hegel ihre Bedeutung „in der Sphäre der bewussten Wirklichkeit“ – und die Weltgeschichte fällt außer diese Gesichtspunkte. Das ist keine Rechtfertigung der Opfer; es ist die Nüchternheit, mit der Hegel sagt, dass der maßgebliche Gesichtspunkt der Weltgeschichte nicht der des Glücks ist. Ob man das hinnehmen will, ist eine der schwersten Fragen an ihn.

Fazit

Die Geschichte ist menschengemacht, denn ihr einziger Motor sind menschliche Handlungen und Leidenschaften. Sie ist zugleich notwendig, denn ihre innere Logik – die Entfaltung des Freiheitsbewusstseins – ist keine Summe von Zufällen. Beides schließt sich nicht aus: Die Notwendigkeit hat kein anderes Material als das menschliche Handeln, und gerade indem dieses nur seine eigenen Zwecke verfolgt, wird es zum Werkzeug von etwas, das es nicht beabsichtigt hat.

Fundstellen. Grundlinien § 341–§ 360 (Weltgeschichte), insbesondere § 342 (kein blindes Schicksal), § 343 und Anm. (Geschichte als Tat des Geistes; gegen das bloße Spiel der Leidenschaften), § 344 (bewusstlose Werkzeuge), § 345 (die Weltgeschichte fällt außer Glück und Unglück), § 348 (welthistorische Individuen). – Zum Ausdruck „List der Vernunft“: Wissenschaft der Logik, Lehre vom Zweck, und die Vorlesungen über die Philosophie der Geschichte. – Im Glossar: List der Vernunft, Weltgeist, Weltgeschichte.

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