Stehen die Momente einer dialektischen Bewegung sich – dualistisch – gegenüber?

Kurz: Nein, und dieser Punkt entscheidet über das Verständnis der ganzen Methode. Die Momente stehen einander nicht als zwei feste Größen gegenüber, zwischen denen dann vermittelt würde. Jedes ist nur, was es ist, durch das andere – und geht an sich selbst in das andere über. Wer sie als Paar denkt, hat den Verstand und nicht die Dialektik.

Die drei Seiten des Logischen

Hegel unterscheidet in Enzyklopädie § 79 drei Seiten, die keine drei Teile sind, sondern Momente jedes Begriffs: das Verständige, das an der festen Bestimmung und ihrem Unterschied gegen andere festhält; das Dialektische oder Negativ-Vernünftige, in dem diese Bestimmungen sich selbst aufheben; das Spekulative oder Positiv-Vernünftige, das die Einheit der Bestimmungen in ihrem Gegensatz erfasst.

Der Dualismus gehört danach zur ersten Seite. Er ist nicht falsch – ohne ihn käme man zu keiner Bestimmtheit –, aber er ist nicht das Letzte. Enzyklopädie § 81 sagt, das Endliche werde „nicht bloß von außen her beschränkt, sondern durch seine eigene Natur“ aufgehoben und gehe „durch sich selbst in sein Gegenteil über“.

Warum es kein Gegenüber ist

Ein Gegensatz im Sinne Hegels ist kein Nebeneinander zweier Dinge. Sein und Nichts stehen nicht wie zwei Größen nebeneinander, zwischen denen dann das Werden vermittelt: Das reine Sein ist, weil es keinerlei Bestimmung hat, vom Nichts nicht zu unterscheiden. Der Übergang liegt in der Bestimmung selbst, nicht zwischen zwei Bestimmungen.

Das Ergebnis ist deshalb auch keine Mischung aus beiden. Es ist die bestimmte Negation:

Indem das Resultierende, die Negation, bestimmte Negation ist, hat sie einen Inhalt. Sie ist ein neuer Begriff, aber der höhere, reichere Begriff als der vorhergehende.

Wissenschaft der Logik I, Einleitung

Hegels eigenes Bild dafür ist nicht das der Waage, sondern das der Pflanze:

Die Knospe verschwindet in dem Hervorbrechen der Blüte, und man könnte sagen, dass jene von dieser widerlegt wird […]. Aber ihre flüssige Natur macht sie zugleich zu Momenten der organischen Einheit, worin sie sich nicht nur nicht widerstreiten, sondern eins so notwendig als das andere ist.

Phänomenologie des Geistes, Vorrede

An einem Beispiel aus den Grundlinien

Recht und Unrecht sind kein Gegensatzpaar, zwischen dem die Strafe vermittelt. § 82 bestimmt das Unrecht als den Schein des Rechts gegen das Recht – es entsteht aus dem Recht, nicht neben ihm. Und § 99 sagt, die Verletzung habe „keine positive Existenz“ außer im besonderen Willen des Verbrechers. Das Unrecht ist danach kein zweites Prinzip, sondern eine Gestalt des Rechts, die sich selbst widerspricht. Deshalb kann die Strafe es aufheben, ohne dass ein Drittes hinzukäme.

Ebenso stehen abstraktes Recht und Moralität nicht als Außen und Innen einander gegenüber, um in der Sittlichkeit verrechnet zu werden. Die Moralität geht aus dem Scheitern des abstrakten Rechts hervor (§ 104), und die Sittlichkeit aus dem Scheitern der Moralität an ihrer Unbestimmtheit (§ 141).

Woher das Missverständnis kommt

Aus der Schulformel These – Antithese – Synthese. Sie unterstellt genau das Bild, das Hegel bestreitet: zwei fertige Sätze und ein drittes, das sie ausgleicht. Die Formel stammt nicht von ihm; er verwendet sie referierend über Kant und lehnt Schema-Triaden als leblos ab. Wer sie mitbringt, wird bei Hegel nichts finden, was auf sie passt – und daraus zu Unrecht schließen, es sei nichts da.

Fundstellen. Enzyklopädie (1830) §§ 79–82 mit Zusätzen. – Wissenschaft der Logik I, Einleitung und Erstes Kapitel; Logik II, Erster Abschnitt (Gegensatz, Widerspruch). – Phänomenologie des Geistes, Vorrede. – Grundlinien § 31 Anm., § 82, § 99, § 104, § 141. – Literatur. Gustav E. Mueller, „The Hegel Legend of ‚Thesis–Antithesis–Synthesis‘“, Journal of the History of Ideas 19 (1958); Michael Theunissen, Sein und Schein, Frankfurt a. M. 1978. – Im Glossar: der Widerspruch, bestimmte Negation, Verstand, das Spekulative.

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