Das ist die häufigste Klage über Hegel, und sie trifft eine Eigenheit, die genau umgekehrt liegt, als man vermutet. Hegels Schwierigkeit ist nicht die Fachsprache. Fachsprache kann man nachschlagen. Seine Schwierigkeit ist, dass er gewöhnliche deutsche Wörter benutzt und ihnen im Zusammenhang eine Bedeutung gibt, die das Wörterbuch nicht hergibt.
Die Beispiele, an denen man scheitert
Wirklich heißt nicht „vorhanden“, sondern: dem Begriff entsprechend. Begriff heißt nicht „Vorstellung“, sondern die innere Struktur einer Sache. Aufheben heißt beides zugleich, beseitigen und aufbewahren. An sich heißt nicht „eigentlich“, sondern: dem Vermögen nach, aber noch nicht verwirklicht. Spekulativ heißt nicht „ungesichert“, sondern das Gegenteil.
Jedes dieser Wörter kann man im Alltagssinn lesen, ohne zu stolpern — und hat dann einen falschen, aber widerspruchsfreien Satz vor sich. Das ist die eigentliche Falle: Man merkt nicht, dass man danebenliegt.
Warum er es tut
Hegel hält es für einen Vorzug der deutschen Sprache, dass sie „Wörter [hat], welche eine spekulative Bedeutung an ihnen selbst haben“ — Wörter also, die den Gedanken schon in sich tragen, den die Philosophie erst mühsam entwickeln muss. Aufheben ist sein Musterbeispiel. Wo andere ein Kunstwort einführen, greift er zum vorhandenen und legt frei, was darin steckt.
Er nimmt dafür in Kauf, missverstanden zu werden, und tut wenig dagegen. Hegel meint alles genau so, wie er es jeweils sagt, und sieht sich kaum je gehalten, möglichen Missverständnissen vorzubeugen; das richtige Verstehen ergibt sich für ihn aus dem System und dem Zusammenhang. Ein Autor, der seinen Lesern entgegenkommt, ist er nicht.
Was hilft
Drei Dinge. Erstens: Bei jedem Wort, das im Satz zu leicht durchgeht, misstrauisch werden — gerade die unauffälligen sind die Fallen. Zweitens: das Glossar benutzen, das für diese Ausdrücke jeweils die Belegstelle im Wortlaut nennt. Drittens: sich merken, dass die Bedeutung im Gang wächst. Was „Freiheit“ in § 15 heißt, ist weniger als das, was sie in § 260 heißt; Hegel nimmt dasselbe Wort und füllt es unterwegs.
Literatur. Michael Inwood, A Hegel Dictionary, Oxford 1992 – das brauchbarste Nachschlagewerk für genau dieses Problem; Robert C. Solomon, „Teaching Hegel“, Teaching Philosophy 2 (1977), der Hegels Sprache nicht als fachsprachlich, sondern als unterbestimmt beschreibt.
