95

Der erste Zwang als Gewalt von dem Freien ausgeübt, welche das Dasein der Freiheit in seinem konkreten Sinne, das Recht als Recht verletzt, ist Verbrechen, – ein negativ-unendliches Urteil in seinem vollständigen Sinne, (siehe meine Logik, Bd. II, S. 99) 1, durch welches nicht nur das Besondere, die Subsumtion einer Sache unter meinen Willen (§ 85), sondern zugleich das Allgemeine, Unendliche im Prädikate des Meinigen, die Rechtsfähigkeit und zwar ohne die Vermittlung meiner Meinung (wie im Betrug; § 88) ebenso gegen diese negiert wird, – die Sphäre des peinlichen Rechts.

|94| Das Recht, dessen Verletzung das Verbrechen ist, hat zwar bis hierher nur erst die Gestaltungen, die wir gesehen haben, das Verbrechen hiermit auch zunächst nur die auf diese Bestimmungen2 sich beziehende nähere Bedeutung. Aber das in diesen Formen Substantielle ist das Allgemeine, das in seiner weiteren Entwicklung und Gestaltung dasselbe bleibt und daher ebenso dessen Verletzung, das Verbrechen, seinem Begriffe nach. Den besonderen, weiter bestimmten Inhalt, z. B. in Meineid, Staatsverbrechen, Münz-, Wechselverfälschung usf. betrifft daher auch die im folgenden § zu berücksichtigende Bestimmung.

  1. Wissenschaft der Logik, Zweiter Band: Die subjektive Logik (1816), S. 99 = GW 12, S. 70: „Unendliches Urteil“ – das Verbrechen als negativ-unendliches Urteil ↩︎
  2. Hegels Handexemplar. nämlich auf Eigentum, als in einzelnen Sachen – und auf Körper, Teile desselben, Leben – ↩︎

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Kommentare

3 Kommentare zu „95“

  1. Avatar von Hegel (Notizen)
    Hegel (Notizen)

    [zu § 95]
    positiv unendliches Urteil, das Einzelne ist das Einzelne – leerer Schein eines Urteils, worin im Prädikat das Allgemeine fehlt –
    Ich werde als ein nicht rechtlicher -, nicht als Person behandelt –
    Zwang: Juden müssen in Rom jährlich eine polemische Predigt gegen sie anhören.
    – in Schwaben, Schwärmer hielten den Kaiser Napoleon für den Messias, 1000jähriges Reich, – keine Abgaben usf., Gehorsam gegen Obrigkeit; – auf Festung gesperrt und gezwungen, die Predigt zu besuchen – Gefängnisstrafe unter einen allgemeinen Zwang des Lebens gesetzt – gestattet und angehalten, was zum gewöhnlichen Leben gehört; – auch zum Essen zwingen, wenn einer sich aushungern will.
    Persönlicher Wille abstrakt; deswegen α) möglich überhaupt, gezwungen zu werden (mit Recht und mit Unrecht); β) rechtlich möglich, und notwendig, wenn er als abstrakt nichtiger, durch subjektiven Willen.

    [zu § 95 Anm.]
    Höhere Bestimmungen (des Daseins) der Freiheit als nur Persönlichkeit – höheres Recht – auch äußerlich sich setzen.
    – nämlich auf Eigentum als in einzelnen Sachen – und auf Körper, Teile desselben, Leben –
    Anwendung in einer positiven Gesetzgebung –
    Auf dieser Stufe finden noch nicht solche Verhältnisse des Eigentums – der rechtlichen Verpflichtungen statt, – aber Verbrechen überhaupt Verletzung des an sich seienden Willens, der in eine Sache fällt, – Staat ist das Sittliche in Wirklichkeit, vorh[andene] Existenz – nicht in Empfindung, Gefühl, Gesinnung – wie Familie zum Teil – seine Vollendung habend, auf ihm beruhend, schwankend, unbestimmt – sondern herausgebildet bis zu einem wirklichen Naturdasein – einer Notwendigkeit, einer physischen Organisation – daher Zwang.

  2. Avatar von Die logische Entwicklung
    Die logische Entwicklung

    Das Verbrechen als negativ–unendliches Urteil — verneint wird nicht nur das besondere Prädikat des Meinigen, sondern zugleich das Allgemeine im Prädikat, die Rechtsfähigkeit selbst.

    Hegel greift hier ausdrücklich eine Bestimmung aus seiner Logik auf. Ein gewöhnlich verneinendes Urteil bestreitet nur ein einzelnes Prädikat — diese Sache ist nicht die meinige —, und so lag es beim unbefangenen Unrecht, wo nur über die Zuordnung gestritten wird, und auf andere Weise beim Betrug, der das Allgemeine zwar ebenfalls verletzt, aber durch den Schein des Rechts hindurch, nämlich durch die Vermittlung meiner Meinung und nicht offen gegen sie. Das negativ-unendliche Urteil dagegen verneint mit dem einzelnen Prädikat zugleich dessen ganze Sphäre; sein Muster ist das Beispiel, an dem Hegel es in der Logik erläutert: der Geist sei nicht rot — ein Satz, der nicht bloß falsch, sondern sinnlos ist, weil er einer Sache eine Bestimmung abspricht, die ihr überhaupt nicht zukommen kann. Genau das tut das Verbrechen: Es nimmt mir nicht nur diese Sache, sondern bestreitet, dass mir überhaupt etwas gehören kann — und zwar ohne den Umweg über meine Meinung, den der Betrug (§ 88) noch nimmt, sondern gerade gegen sie. Damit ist die Sphäre des peinlichen Rechts erreicht.

  3. Avatar von Hegel (einfach)
    Hegel (einfach)

    § 95: Was ein Verbrechen ist

    Jetzt ist klar, was ein Verbrechen ist. Ein Mensch übt als Erster Gewalt aus. Er verletzt nicht nur eine Sache. Er verletzt das Recht als Recht.

    Was unterscheidet das Verbrechen?

    Im ehrlichen Streit sagt einer: „Das gehört nicht dir.“ Er bestreitet nur, dass diese Sache dem anderen gehört.

    Beim Betrug tut der Täter wenigstens so, als achte er das Recht.

    Der Verbrecher dagegen verneint alles. Er sagt nicht nur: „Das gehört nicht dir.“ Er behandelt den anderen, als hätte er gar keine Rechte. Als wäre er keine Person. Und er tut das offen, ohne jeden Schein.

    Hier beginnt das Strafrecht.

    Bisher haben wir nur wenige Formen des Rechts kennengelernt: Eigentum, Vertrag, den eigenen Leib. Später kommen viele weitere hinzu, bis hin zum Staat. Der Begriff des Verbrechens gilt aber für alle. Auch Meineid, Hochverrat und Geldfälschung sind Verbrechen in diesem Sinn.

    Zusammenfassung: Das Verbrechen ist Gewalt gegen das Recht selbst. Es verneint nicht nur ein Eigentum, sondern die Person als Träger von Rechten. Hier beginnt das Strafrecht.

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