Für Nihilisten ist alles sinnlos und nichtig – lässt sich Hegel dann ignorieren?

Kurz: Ignorieren kann man ihn – nur nicht mit dem Argument, er habe den Standpunkt nicht gekannt. Hegel setzt ihn an den Anfang: seine Logik beginnt mit dem Nichts, seine Phänomenologie nennt sich selbst den Weg der Verzweiflung, und die Grundlinien beschreiben in § 5 genau die Freiheit, die nichts gelten lässt. Der Streit beginnt erst danach.

Hegel fängt dort an, wo der Nihilismus aufhört

Andere Philosophen weichen dem Nichts aus und suchen einen neuen festen Grund – den Nutzen, den Glauben, das Sollen. Hegel tut das nicht.

Die Wissenschaft der Logik beginnt mit dem reinen Sein – und das reine, unbestimmte Sein ist von dem reinen Nichts nicht zu unterscheiden. Das ganze System setzt mit dieser Identität ein. Und die Phänomenologie des Geistes beschreibt sich selbst als die Geschichte, in der das Bewusstsein jede Gewissheit verliert, die es für wahr hielt:

Er kann deswegen als der Weg des Zweifels angesehen werden oder eigentlicher als der Weg der Verzweiflung; auf ihm geschieht nämlich nicht das, was unter Zweifeln verstanden zu werden pflegt, ein Rütteln an dieser oder jener vermeinten Wahrheit […].

Phänomenologie des Geistes, Einleitung

Der eigentliche Streitpunkt: Ende oder Motor?

Hier trennen sich die Wege. Für den Nihilismus ist das Nichts das Letzte: Alles ist sinnlos, Punkt. Für Hegel ist es die Negativität – nicht tote Leere, sondern das, was überhaupt etwas in Bewegung setzt:

[Die Identität] ist nur die Bestimmung des einfachen Unmittelbaren, des toten Seins; er aber ist die Wurzel aller Bewegung und Lebendigkeit; nur insofern etwas in sich selbst einen Widerspruch hat, bewegt es sich, hat Trieb und Tätigkeit.

Wissenschaft der Logik II, Der Widerspruch

In der Logik ist das Nichts nicht das letzte Wort; die Bewegung zwischen Sein und Nichts ist das Werden. In Hegels Sprache: Der Nihilismus ist die erste Hälfte – die Negation. Was er übersieht, ist, dass diese Negation sich selbst negiert und dabei produktiv wird (bestimmte Negation).

Ob das ein Argument ist oder eine Zuversicht, ist die offene Frage. Hegel behauptet nicht, das Nichts sei erträglicher, als es aussieht. Er behauptet, es sei nicht stabil.

Warum ausgerechnet die Rechtsphilosophie

Weil dort der Standpunkt nicht bloß beschrieben, sondern durchgerechnet wird – und zwar unfreundlich. § 5 bestimmt die Freiheit, die jeden Inhalt als Schranke abstößt, als „die schrankenlose Unendlichkeit der absoluten Abstraktion“, und die Anmerkung sagt, wohin sie führt:

Es ist die Freiheit der Leere, welche zur wirklichen Gestalt und zur Leidenschaft erhoben [wird] […] im Politischen wie im Religiösen der Fanatismus der Zertrümmerung aller bestehenden gesellschaftlichen Ordnung und die Hinwegräumung der einer Ordnung verdächtigen Individuen […]. Nur indem er etwas zerstört, hat dieser negative Wille das Gefühl seines Daseins.

Grundlinien, § 5 Anm.

Das ist der schärfste Einwand des Buches gegen den eigenen Ausgangspunkt: Die Freiheit, die nichts gelten lässt, hat kein Dasein außer im Zerstören. Wer den Nihilismus für eine private Haltung hält, muss diese Stelle beantworten.

Die Fortsetzung ist der Vorschlag, wie es weitergeht. Das abstrakte Recht (§ 34 ff.) ist der erste Versuch, die Freiheit an einer Sache festzumachen – im Eigentum. Die Moralität (§ 105 ff.) versucht es im Inneren, im Gewissen – und scheitert an der Beliebigkeit dessen, was das Gewissen für gut hält. Erst die Sittlichkeit (§ 142 ff.) trägt: Institutionen, die nichts anderes sind als objektiv gewordene Freiheit.

Der Staat ist dabei kein vorgegebener Sinn, an den man glauben soll. § 4 nennt das Rechtssystem ausdrücklich „die Welt des Geistes aus ihm selbst hervorgebracht, als eine zweite Natur“ – gemacht, nicht gefunden. Das ist der Punkt, an dem sich Hegels Vorschlag vom Rückgriff auf alte Autorität unterscheidet.

Was zu prüfen bleibt

Hegel zu lesen heißt nicht, den Nihilismus aufzugeben, sondern ihn zu Ende zu denken. Die Frage, an der sich alles entscheidet, ist einfach zu stellen und schwer zu beantworten: Ob die Versöhnung, die am Ende steht, aus dem Gang der Sache folgt – oder ob sie vorausgesetzt war und der Gang der Sache auf sie hin eingerichtet wurde. Wer das Buch mit dieser Frage liest, liest es richtig.

Fundstellen. Grundlinien § 4§ 7 (die drei Momente des Willens; § 5 Anm. zur negativen Freiheit und zum Terror), § 34 ff., § 105 ff., § 142 ff. – Wissenschaft der Logik I, Erstes Kapitel (Sein, Nichts, Werden); Logik II, Zweites Buch, Der Widerspruch. – Phänomenologie des Geistes, Einleitung (der Weg der Verzweiflung). – Im Glossar: Negativität, bestimmte Negation, Sein, Versöhnung.

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