Ist Hegels System hierarchisch?

Kurz: Es hat eine Ordnung, und die Ordnung ist gerichtet – aber sie ist eher ein Kreis als eine Leiter. Was zuerst kommt, ist das Ärmste, nicht das Wichtigste; was zuletzt kommt, ist das Reichste, aber es enthält alles Frühere. Und an einer Stelle wird die Ordnung tatsächlich zur Rangordnung von Menschen – dort liegt das eigentliche Problem.

Die Ordnung: vom Ärmsten zum Reichsten

Hegel formuliert das Prinzip beiläufig in der Naturphilosophie, und dort ist es am klarsten:

In einem System ist das Abstrakteste das Erste, das Wahre jeder Sphäre das Letzte; ebenso ist es aber nur das Erste einer höheren Stufe.

Enzyklopädie (1830), § 249 Zusatz

In den Grundlinien heißt dasselbe: Je abstrakter ein Recht, desto beschränkter – und damit desto niedriger. § 30 sagt es ausdrücklich, und daraus folgt die für Juristen wichtigste Konsequenz: Im Kollisionsfall geht das Spätere vor. Wer die Reihenfolge des Buches für eine Wertordnung hält, liest sie verkehrt herum (ausführlich: Warum kommt bei Hegel das Eigentum vor der Menschenwürde?).

Und § 32 Anm. hält fest, dass diese Ordnung begrifflich und nicht zeitlich ist: Die Familie setzt den Eigentumsbegriff logisch voraus – historisch war sie zuerst da.

Warum „Leiter“ das falsche Bild ist

Eine Hierarchie im gewöhnlichen Sinn hat eine Spitze, von der aus alles Übrige regiert wird. Hegels System hat das nicht. Sein eigenes Bild ist der Kreis:

Das Wesentliche für die Wissenschaft ist nicht so sehr, daß ein rein Unmittelbares der Anfang sei, sondern daß das Ganze derselben ein Kreislauf in sich selbst ist, worin das Erste auch das Letzte und das Letzte auch das Erste wird.

Wissenschaft der Logik I

Der Anfang ist danach nicht das Fundament, sondern das, was am Ende erst begründet ist – siehe Wo fängt ein System an, das nichts voraussetzen darf? Dazu kommt, dass das Frühere im Späteren nicht verschwindet: Eigentum und Vertrag gelten im Staat weiter, sie sind nur nicht mehr das Letzte.

Wo die Hierarchie unangenehm wird

Drei Stellen. In § 347 hat jeweils ein Volk das Recht, Träger der Weltgeschichte zu sein, „gegen dies sein absolutes Recht […] sind die Geister der anderen Völker rechtlos“. In § 351 folgt daraus die Behandlung anderer „als Barbaren mit dem Bewußtsein eines ungleichen Rechts“. Und in § 166 wird die Stellung der Frau in der Familie begrifflich festgeschrieben.

Hier ist die Ordnung der Stufen tatsächlich eine Rangordnung – und zwar von Menschen, nicht von Begriffen. Das lässt sich nicht mit dem Hinweis entschärfen, es sei ja alles ein Kreis. Wie diese Ausgabe damit umgeht, steht in Was sagt Hegel Lesern aus nichteuropäischen Traditionen? und Schließt Hegel die Frauen aus dem Staat aus?

Die Antwort in einem Satz

Das System ist gestuft, nicht gestapelt: Jede Stufe ist die Wahrheit der vorigen und der Anfang der nächsten. Als Ordnung von Begriffen ist das eine methodische Behauptung, die man prüfen kann. Als Ordnung von Völkern und Geschlechtern ist es ein Übergriff, der sich mit Hegels eigenem Begriff der Anerkennung nicht verträgt.

Fundstellen. Grundlinien § 30 und Anm., § 32 Anm., § 33, § 166, § 347, § 351. – Wissenschaft der Logik I, „Womit muss der Anfang der Wissenschaft gemacht werden?“ – Enzyklopädie (1830) §§ 15–18, § 249 Zus. – Literatur. Ludwig Siep (Hg.), Klassiker Auslegen, Berlin 1997; zur Weltgeschichte kritisch Susan Buck-Morss, Hegel, Haiti, and Universal History, Pittsburgh 2009. – Im Glossar: Aufhebung, konkrete Allgemeinheit, Weltgeschichte.

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