Kurz: Der Satz vom Umstülpen stammt von Marx selbst und beschreibt weniger, als er verspricht. Was Marx übernimmt, ist Hegels Verfahren; was er ändert, ist der Gegenstand. Und der Einwand, Hegel habe die Verelendung nicht gekannt, trifft ausgerechnet das Kapitel, in dem das Buch am wenigsten zur Ruhe kommt.
1. Idealismus und Materialismus
Hegels Idealismus heißt nicht, die Welt bestehe im Kopf oder werde von einem jenseitigen Gott gelenkt. Er heißt, dass die Wirklichkeit begrifflich strukturiert ist – dass sie sich nach eigenen Bestimmungen entwickelt und deshalb erkennbar ist. Was Marx übernimmt, ist genau dies: die Annahme, dass eine ökonomische Ordnung eine Logik hat, die man darstellen kann. Das Kapital beginnt nicht zufällig mit der Ware und entwickelt aus ihr Geld und Kapital; das ist die Darstellungsform der Wissenschaft der Logik, angewandt auf einen anderen Gegenstand.
Das Bild vom Kopf und den Füßen verdeckt diese Nähe. Es besagt, dass Marx den Ausgangspunkt wechselt – nicht, dass er das Verfahren verwirft. Hans Friedrich Fulda hat gezeigt, wie weit die Darstellungsmethode des Kapitals hegelisch bleibt.
2. Hat Hegel die Verelendung nicht gekannt?
Er hat sie zum Gegenstand gemacht. § 241–§ 245 beschreiben nicht ein Unglück, das die bürgerliche Gesellschaft trifft, sondern ein Ergebnis, das sie hervorbringt: in § 243 die Anhäufung der Reichtümer auf der einen und die „Vereinzelung und Beschränktheit der besonderen Arbeit“ auf der anderen Seite. Aus den Nachschriften geht hervor, dass Hegel die Berichte aus England kannte und in der Vorlesung auf sie einging.
Der Pöbel ist bei ihm nicht einfach der Arme, sondern derjenige, dem mit der Armut die Anerkennung und damit das sittliche Band zur Gesellschaft abhanden kommt – der Sache nach das, was später Entfremdung heißt und was Hegel in der Phänomenologie des Geistes bereits unter dem Titel der Entäußerung behandelt.
Und dann der Satz, mit dem das Kapitel endet:
Es kommt hierin zum Vorschein, daß bei dem Übermaße des Reichtums die bürgerliche Gesellschaft nicht reich genug ist, d. h. an dem ihr eigentümlichen Vermögen nicht genug besitzt, dem Übermaße der Armut und der Erzeugung des Pöbels zu steuern.
Grundlinien, § 245
Hegel bietet dafür keine Lösung an. Er führt die naheliegenden Mittel durch – Unterstützung ohne Arbeit, Arbeit ohne Nachfrage – und zeigt, dass beide das Problem vergrößern. Marx hat diese Diagnose nicht widerlegt, sondern zum Ausgangspunkt genommen.
3. Interpretieren und verändern
Die elfte Feuerbachthese ist kein Einwand gegen Hegel, sondern eine Entscheidung über die Aufgabe der Philosophie. Hegels Gegenposition steht in der Vorrede: Philosophie kommt „immer zu spät“, weil sie eine Gestalt des Lebens erst erkennt, wenn diese fertig ist – die Eule der Minerva beginnt ihren Flug mit der einbrechenden Dämmerung.
Das ist eine Behauptung über die Reichweite des Erkennens, keine über die Zulässigkeit des Handelns. Wer sie bestreitet, bestreitet, dass Philosophie von der Praxis getrennt werden kann – und das ist genau der Streit, um den es zwischen Hegel und Marx geht. Er ist nicht dadurch entschieden, dass man ihn zitiert.
4. Und die Dialektik?
Marx wendet sie an, ohne sie zu erklären; Hegel erklärt sie. In den Grundlinien kann man ihr beim Arbeiten zusehen: Eigentum ist eine Gestalt des Willens, die sich nicht durchhalten kann, weil sie den anderen Willen voraussetzt, den sie nicht enthält; das Unrecht ist die Gestalt, in der dieser Mangel heraustritt; die Strafe ist nicht seine Beseitigung, sondern die Wiederherstellung des Rechts an ihm.
Was man dabei nicht findet, ist das Schema These–Antithese–Synthese. Es stammt von Heinrich Moritz Chalybäus (1837) und ist Hegel von außen angetragen worden; er selbst spricht von der bestimmten Negation und von der Aufhebung. Der Unterschied ist kein terminologischer: Eine bestimmte Negation ist die Negation dieser Sache und behält deren Inhalt; ein Schema, in das man Beliebiges einsetzen kann, behält nichts.
Wer Marx verstehen will, verliert dabei nichts. Wer Hegel liest, findet einen „Idealisten“, der über die bürgerliche Gesellschaft nüchterner geurteilt hat als die meisten Materialisten seiner Zeit.
Vgl. dazu Hans Friedrich Fulda, „Dialektik als Darstellungsmethode im ‚Kapital‘ von Marx“, in: Ajatus, Helsinki 1978, S. 180–216 (Volltext) – sowie:
Fundstellen. Grundlinien § 189–§ 208 (System der Bedürfnisse), § 241–§ 245 (Armut und Pöbel), § 41–§ 71 (Eigentum), § 82–§ 104 (Unrecht und Strafe). – Karl Marx, Das Kapital I, Nachwort zur zweiten Auflage 1873 (die Wendung vom Umstülpen) · Heinrich Moritz Chalybäus, Historische Entwickelung der spekulativen Philosophie von Kant bis Hegel, 1837 (Herkunft des Schemas These–Antithese–Synthese) · Hans Friedrich Fulda, a. a. O. – Im Glossar: Dialektik, bestimmte Negation, Der Pöbel.
