Wenn wahr ist, was funktioniert – wozu dann Hegel?

Kurz: Weil „was funktioniert“ davon abhängt, wie die Sache beschaffen ist, in der man handelt. Der Satz ist kein Ersatz für die Kenntnis der Sache, sondern setzt sie voraus. Die Grundlinien sind der Versuch, diese Kenntnis für den sozialen Bereich zu liefern – und ausdrücklich keine Utopie.

Der Einwand gegen den kurzen Pragmatismus

Ein Arzt, der pragmatisch Präparate durchprobiert, bis eines wirkt, ist kein Pragmatiker, sondern ein Kurpfuscher. Wer wirklich zielgerichtet handeln will, muss das System kennen, in das er eingreift. Für den sozialen Bereich heißt das: Wer die Grundbestimmungen nicht kennt, mit denen er arbeitet – Person, Eigentum, Vertrag, Zurechnung, Institution –, hämmert auf Marmor, als wäre es Holz.

Das ist kein Argument für Theorie gegen Praxis. Es ist die Feststellung, dass es keine voraussetzungslose Praxis gibt: Wer handelt, hat immer schon eine Auffassung davon, womit er es zu tun hat. Die Frage ist nur, ob sie geprüft ist.

Warum ausgerechnet dieses Buch

Weil die Grundlinien keine Utopie entwerfen. Die Vorrede sagt ausdrücklich, es gehe darum, das zu begreifen, was ist – die Philosophie komme „immer zu spät“, um die Welt zu belehren (siehe die Eule der Minerva). Was das Buch bietet, ist eine Anatomie, keine Vision.

Zwei Stellen zeigen, was das praktisch austrägt.

Der Markt. Die § 189§ 208 beschreiben das „System der Bedürfnisse“ als eine Ordnung, die sich selbst reguliert. Aber die § 241§ 245 zeigen, dass sie dabei ein Problem erzeugt, das sie nicht lösen kann: die Armut und die Entstehung des Pöbels. Hegel endet dort nicht mit einem Vorschlag, sondern mit einem Befund: dass die bürgerliche Gesellschaft „bei dem Übermaße des Reichtums […] nicht reich genug“ ist. Wer Armut für einen Betriebsunfall hält, den man mit Almosen behebt, hat diesen systemischen Zusammenhang nicht vor sich.

Der Staat. § 257 ff. bestreiten, dass ein Staat ein Vertrag sei, den man beliebig neu fassen kann. § 273 Anm. behandelt die Frage, wer eine Verfassung machen solle, als sinnlos gestellt, und § 258 Anm. warnt vor dem Versuch, „ganz von vorne und vom Gedanken“ anzufangen. Wer eine effiziente Verfassung am Reißbrett entwirft und sich wundert, dass sie nicht angenommen wird, findet hier die Diagnose.

Was das Buch nicht leistet

Es macht niemanden zum besseren Handwerker. Hegel selbst hält es für unmöglich, aus der philosophischen Entwicklung ein Gesetzbuch abzuleiten – das Verhältnis von philosophischem und positivem Recht sei „vielmehr im Verhältnis von Institutionen zu Pandekten“ (§ 3 Anm.). Und § 214 räumt ein, dass der letzte, praktisch entscheidende Schritt jeder Rechtsanwendung nicht mehr vernünftig zu bestimmen ist.

Der Ertrag ist bescheidener und haltbarer: die Einsicht, an welchen Stellen ein Problem strukturell und nicht handwerklich ist. Das erspart keine Entscheidung, aber es erspart einige Fehlversuche.

Fundstellen. Grundlinien, Vorrede (die Eule der Minerva), § 3 Anm., § 189§ 208 (System der Bedürfnisse), § 241§ 245 (Armut und Pöbel), § 214 Anm., § 257 ff., § 258 Anm., § 273 Anm. – Zur amerikanischen pragmatistischen Tradition und ihrem Verhältnis zu Hegel siehe John Dewey, der in seiner Autobiographie „From Absolutism to Experimentalism“ (1930) den prägenden Einfluss Hegels ausdrücklich einräumt. – Im Glossar: bürgerliche Gesellschaft, Armut, Sittlichkeit.

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