[11. Absatz]
Die Aufmerksamkeit der Regierungen hat aber auch eine gute Seite. Die Philosophie braucht nämlich Schutz, und zwar von einer ganz anderen Seite.
Viele Bücher aus anderen Fächern und viele fromme Erbauungsbücher verachten die Philosophie. Ihre Verfasser verstehen oft selbst nichts vom Denken. Trotzdem erklären sie die Philosophie für erledigt. Manche nennen es sogar töricht oder sündhaft, Gott und die Welt mit dem Denken begreifen zu wollen. Die Vernunft wird angeklagt, wieder und wieder. Man könnte fast meinen, die Philosophie werde nur noch geduldet. In einer Fußnote erzählt Hegel dazu von einem Professor in Rom. Gefragt, wie es um die Hochschulen stehe, sagte er: Man duldet sie wie die Bordelle.
Das Merkwürdige ist: Diese Angriffe haben zum Teil recht. Denn die seichte Philosophie hat sie selbst herausgefordert. Und zugleich wachsen sie aus demselben Boden.
Die seichte Philosophie hat erklärt, man könne die Wahrheit nicht erkennen. Damit hat sie alles gleichgemacht, so wie einst die Kaiser in Rom Adlige und Sklaven, Tugend und Laster gleichmachten. Jetzt sind auch die Gesetze der Sitte nur noch Meinungen. Auch die schlimmsten, verbrecherischen Grundsätze gelten als Überzeugungen genauso viel wie sie. Und jedes noch so dürre Thema steht auf einer Stufe mit dem, was alle denkenden Menschen angeht.
