[13. Absatz]
Jetzt folgt der berühmteste Satz des Buches:
„Was vernünftig ist, das ist wirklich;
und was wirklich ist, das ist vernünftig.“
Dieser Satz ist oft missverstanden worden. Manche lesen ihn so: Alles, was es gibt, ist gut, also soll man nichts ändern. Das meint Hegel nicht.
Das Wort „wirklich“ hat bei ihm eine besondere Bedeutung. Wirklich ist nicht einfach alles, was vorhanden ist. Wirklich ist, was seinem eigenen Kern entspricht. Vieles ist bloß da: zufällig, vorübergehend, Schein. Das ist nicht gemeint.
Der Satz sagt also zweierlei. Die Vernunft ist keine bloße Idee im Kopf, sie setzt sich in der Welt durch. Und was in der Welt wirklich Bestand hat, hat Vernunft in sich.
So denkt jeder unbefangene Mensch, sagt Hegel, und die Philosophie auch. Wer dagegen meint, er stehe über seiner Gegenwart und wisse alles besser, der lebt im Eitlen. Denn wirklich ist nur die Gegenwart.
Die Aufgabe heißt darum: im Wechselnden und Vorübergehenden das Bleibende zu erkennen. Die Vernunft zeigt sich in unzähligen bunten Formen. Sie legt sich wie eine bunte Rinde um ihren Kern. Das Denken muss durch diese Rinde hindurch, um darin den Puls zu fühlen.
Mit den unzähligen Einzelheiten dagegen hat die Philosophie nichts zu tun. Sie muss nicht für alles gute Ratschläge geben. Platon riet den Ammen, die Kinder immer auf dem Arm zu schaukeln. Fichte wollte, dass in jedem Pass ein gemaltes Bild des Inhabers steht. Das ist keine Philosophie mehr. Und weil sie sich da heraushält, bleibt sie frei vom kleinlichen Hass des Besserwissers auf alles, was besteht.
Zusammenfassung: Der Satz sagt nicht, alles Bestehende sei gut. Er sagt, dass die Vernunft wirklich wird und dass im Wirklichen Vernunft steckt. Die Philosophie soll diese Vernunft finden.
