Vorrede – Hegel (einfach)

[7. Absatz]

Beim Staat sitzt dieser Irrtum besonders fest. Viele meinen: Wer frei denkt, muss gegen das Bestehende sein. Und eine Philosophie des Staates muss eine neue, eigene Theorie erfinden. Man tut so, als hätte es noch nie einen Staat gegeben. Als müsste man heute ganz von vorn anfangen, und dieses „heute“ hört nie auf.

Ein Vergleich macht das deutlich. Bei der Natur gibt jeder zu: Sie hat ihre eigenen Gesetze. Wir müssen sie erforschen, wie sie ist. Die Vernunft steckt in ihr selbst.

Beim Staat soll das nicht gelten. Die Welt des Rechts und der Sitte soll vom Zufall regiert werden. Hegel nennt das hart einen „Atheismus der sittlichen Welt“: als wäre diese Welt von Gott und von der Vernunft verlassen. Und weil in ihr angeblich keine Vernunft steckt, meint jeder, er trage den Stein der Weisen schon bei sich.

Einen Unterschied zur Natur gibt es freilich. Die Gesetze der Natur gelten einfach, ob wir sie kennen oder nicht. Die Gesetze des Rechts dagegen haben Menschen gemacht. Darum kann der Mensch fragen: Sind sie auch richtig? Er trägt einen Maßstab in sich. Gerade deshalb muss er aber lernen, das Recht gründlich zu erkennen.

Die meisten Menschen leben übrigens gern im Staat und sind zufrieden, genau genommen alle. Sie lachen über diese Weltverbesserer. Leider fällt der Spott auf die Philosophie überhaupt zurück. Die schlimmste Verachtung ist diese: Jeder meint, bei der Philosophie mitreden zu können, ohne sie gelernt zu haben. Bei keinem anderen Fach denkt man so. Jeder hat Finger und kann sich Pinsel und Farbe kaufen. Deshalb ist er noch lange kein Maler. Mit dem Denken ist es genauso.

Zusammenfassung: Wer den Staat verstehen will, muss die Vernunft in ihm suchen, so wie man sie in der Natur sucht. Er darf nicht meinen, er müsse sie erst erfinden.

Hegels Text: Vorrede, Absatz 7 →

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