Das Leben Jesu (1795)

[S. 218]

|218| geben wollt, so laßt es nicht in den Strassen, und auf den Kanzeln oder in Zeitungen ausposaunen, wie die Heuchler thun, um von den Leuten hochgepriesen zu werden; thu es im Verborgenen, daß gleichsam die linke Hand nicht weis, was die Rechte gibt – Euer Lohn, wenn ihr der Vorstellung eines Lohns als Aufmunterung bedürft, ist der stille Gedanke gut gehandelt zu haben, und daß so wenig die Welt den Urheber kennt, doch die Wirkung eurer Handlung, sei es auch im kleinen, – die Hülfe, die ihr dem Unglük gebracht, der Trost, den ihr dem Elend gereicht, – in Ewigkeit reich ist an wohlthätigen Folgen –

Wenn ihr betet, so geschehe es ebenso wenig nach Art der Heuchler, die in den Kirchen auf den Knien liegen, auf den Straßen die Hände falten, oder den Nachbarn mit ihrem Singen beschwerlich fallen – um vor den Menschen sich damit sehen zu laßen – wahrlich ihr Gebet ist ohne Frucht – Euer Gebet, es sei in der freyen Natur oder in eurem Zimmer, sei eine Erhebung eures Gemüths über die kleinen Zweke, die sich die Menschen sezen, und über die Begierden, die sie hin und her treiben, durch den Gedanken an den Heiligen, der euch an das Gesez errinnere, das in euren Busen gegraben ist, und euch mit Achtung für dasselbe, unverlezbar durch alle Reize der Neigungen – erfülle –

Sezet das Wesen des Gebets nicht in viele Worte, wodurch aberglaübische Menschen sich bei Gott in Gunst zu sezen, oder etwas über ihn und den Plan seiner ewigen Weisheit vermögen zu können vermeinen. Gleichet ihnen darin nicht, Euer Vater weis, wessen ihr bedürfet, eh* ihr ihn darum bittet; Bedürfnisse der Natur, Wünsche der Neigungen können also nicht Gegenstand eures Gebets seyn, denn wie könnt ihr wissen, ob die Befriedigung derselben Zwek des moralischen Planes des heiligen sey ? Der Geist eures Gebets sei, daß ihr von dem Gedanken an die Gottheit belebt vor derselben den festen Vorsaz faßt, euren ganzen Wandel der Tugend zu weihen. Dieser Geist des Gebets würde sich in Worte ausgedrükt etwa so darstellen lassen: Vater der Menschen, dem alle Himmel unterworfen sind, du, der alleinheilige seyest das Bild, das uns vorschwebe, dem wir uns zu nähern trachten, daß dein Reich

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