Das Leben Jesu (1795)

[S. 223]

|223| die Tage werden schon kommen, wo ihnen auch ihr Lehrer, wie euch der eurige wird entrissen werden – dann mögen sie fasten -! warum sollte ich überhaupt eine solche Strenge in ihrer Lebensart von ihnen fodern ? es würde weder zu ihrer bisherigen Gewohnheit, noch zu meinen Grundsäzen passen, die keinen Werth in ein strenges Aüssere legen, und noch weniger mir erlauben, andern eine Beobachtung gewisser Gebraüche aufzulegen –

Da izt wieder ein Passahfest einfiel, so begab auch Jesus sich nach Jerusalem; Joh. während seines Aufenthalts daselbst, war es den Juden sehr anstössig, daß er einmal einem armen Kranken an einem Sabbath einen Liebesdienst erwies – sie sahen darin eine Entweihung dieses heiligen Tages, und eine Anmassung, ein Gebot, das Gott selbst gegeben, für nicht verbindlich zu halten – sich gleichsam ein Recht, das nur Gott zu komme, herauszunehmen, und seine Autorität der Autorität der Gottheit gleichzusezen – Jesus gab ihnen zur Antwort: Wenn ihr eure kirchlichen Statuten und positiven Gebote für das höchste Gesez haltet, das dem Menschen gegeben ist – so verkennt ihr die Würde des Menschen, und das Vermögen in ihm, aus sich selbst, den Begrif der Gottheit, und die Erkenntnis ihres Willens zu schöpfen – wer diß Vermögen in sich nicht ehrt, der ehrt die Gottheit nicht – was der Mensch sein Ich nennen kan, und was über Grab und Verwesung erhaben ist, und sich selbst seinen verdienten Lohn bestimmen wird, ist fähig sich selbst [zu] richten – es kündigt sich als Vernunft an, deren Gesezgebung von nichts mehr sonst abhängig ist – der keine andere Autorität auf Erden oder im Himmel einen andern Maasstab des Richtens an die Hand geben kan – Das was ich lehre, gebe ich nicht für meine Einfälle, für mein Eigenthum aus, ich verlange nicht, daß irgend jemand auf meine Autorität es annehmen solle, denn ich suche nicht meinen Ruhm – (ich unterwerfe es der Beurtheilung der allgemeinen Vernunft, die jeden bestimmen mag, es zu glauben oder nicht -) Wie könntet aber ihr Vernunft als höchsten Maasstaab, des Wissens und des Glaubens gelten lassen, da ihr die Stimme [der] Gottheit nie vernammt, auf den Nachhall dieser Stimme in eurem Herzen nie hörtet, auf den nicht achtet, der diesen Ton anschlägt -? da ihr euch ausschliessend im Besiz der Wissenschaft dessen, was Willen Gottes sey, glaubt, und die Auszeichnung, die euch vor allen andern Menschenkindern zukommen soll, zum Gegenstand eures Ehrgeizes macht! da ihr euch auf Moses, und immer auf Moses beruft, und euren Glauben auf fremde Autorität

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