Das Leben Jesu (1795)

[S. 233]

|233| seinen Handlungen genau sich unterrichtet zu haben, so warfen ihm die andern vor, er sei wohl auch ein Anhänger des Galiläers – aus Galiläa könne doch kein Prophet herstammen – Ohne, wie es scheint, wegen Jesu einen förmlichen Schluß gefast zu haben, ging der Rath wieder auseinander.

[Joh. 8.] Jesus brachte die Nacht auf dem Oelberg, vielleicht in Bethanien zu, das an dem Fuß dieses Bergs lag, wo er bekannte hatte, doch kam er wieder in die Stadt und in den Tempel zurük; während er da lehrte, führten einige Gesezgelehrten und Pharisäer, eine Frau, die im Ehbruch ertappt worden war, zu ihm, stellten sie in die Mitte, um gleichsam Gericht über sie zu halten – und legten Jesu den Fall vor, daß das Gesez Mosis befehle, eine solche mit Steinen todtzuwerfen, und fragten ihn, was seine Meinung sei? Jesus sah ihre Absicht ihm eine Schlinge zu legen, wohl ein, stellte sich nichts gehört zu haben, und bükte sich und machte mit dem Finger Figuren in den Sand – Als sie darauf bestanden, seine Meinung zu hören, erhob er sich, und sagte zu ihnen, wer sich unter euch ohne Vergehen weis, der werfe den ersten Stein auf sie – dann machte er wieder wie vorhin Figuren in den Sand – Auf jene Antwort Jesu hatte sich von den Schriftgelehrten einer um den andern davongeschlichen, und Jesus blieb mit der Frau allein – Jesus erhob sich izt, und sah niemand mehr als noch die Frau – Wo sind deine Ankläger, fragte er, hat keiner dich verurtheilt ? – Keiner, sagte sie – Auch ich, erwiederte Jesus, verdamme dich nicht, lebewohl, und vergehe dich in Zukunft nimmer –

Als Jesus ein andermal im Tempel einen öffentlichen Vortrag hielt, so hielten ihm 8,12-20. die Pharisäer entgegen, welches Zeugnis er aufweisen könne, das ihm selbst und andern die Wahrheit seiner Lehren verbürgen könne ? sie geniessen das Glük, eine Verfassung und Geseze zu haben, die durch feierliche Offenbahrungen der Gottheit legitimirt seyn – Jesus gab ihnen zur Antwort: glaubt ihr etwa, die Gottheit habe 21-30 das menschliche Geschlecht in die Welt geworfen, der Natur überlassen, ohne ein Gesez, ohne ein Bewustseyn des Endzweks ihres Daseyns, ohne die Möglichkeit in sich selbst es zu finden, wie es der Gottheit wohlgefällig werden könne10) – es sei eine Sache des Glüks – die Kenntnis der moralischen Geseze, das euch allein, diesem Winkel der Erde, man weiß nicht warum, ausschlieslich von allen Nationen der Erde

10) Am Rande: Göthe: jeder vernimmt sie, dem des Lebens Quelle rein im Busen fliest –

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