[S. 232]
|232| Erst in der Mitte der Tage des Festes, begab sich Jesus in den Tempel, und lehrte dort, die Juden wunderten sich hierüber, da sie wusten, daß er nicht studirt habe, Jesus gab ihnen zur Antwort, Meine Lehre ist nicht eine Erfindung der Menschen, die mühsam von andern erlernt zu werden brauchte. Wer ohne Vorurtheile dem unverfälschten Geseze der Sittlichkeit zu folgen sich vorgesezt hat, der wird meine Lehre gleich prüfen können, ob sie meine Erfindung ist; wer seinen eignen Ruhm sucht, sezt freilich einen grossen Werth auf Spekulationen und Gebote der Menschen – wer aber die Ehre Gottes wahrhaftig sucht, der ist aufrichtig genug, jene Erfindungen, die die Menschen dem Sittengesez beigesellt, oder gar an seine Statt gesezt haben, zu verwerfen – So weiß ich daß ihr mich haßt und gar mich zu tödten trachtet, weil ich es für erlaubt erklärt habe, am Sabbath einen Menschen zu heilen – erlaubte euch doch Moses, am Sabbath zu beschneiden! wie viel mehr, ihn gesund zu machen ? Einige Jerusalemiten, die ihn sprechen hörten, zeigten durch ihre Reden, daß sie von einem Vorhaben des hohen Raths, Jesum aus dem Wege zu raümen gehört hatten, – sie wunderten sich ihn so öffentlich und frei sprechen zu hören, und daß doch noch niemand Hand an ihn lege, da man diß doch im Sinne habe – der Messias, den die Juden erwarteten, um den Glanz ihres Gottesdiensts, und die Unabhängigkeit ihres Reichs wiederher [zu] stellen, könne Jesus freilich nicht seyn, denn von ihm wissen sie ja, woher er sei; der Messias hingegen werde den Prophezeiungen zu folge, plözlich erscheinen – So standen Jesu immer die Vorurtheile der Juden entgegen, die wenig nach einem Lehrer fragten, der ihre Sitten zu verbessern, und sie von ihren der Moralität entgegengesezten Vorurtheilen zurükzubringen suchte, sondern einen Messias wollten, der sie von der Abhängigkeit der Römer befreite, und einen solchen an Jesu nicht fanden – Den Mitgliedern des hohen Raths gaben ihre Diener bald Nachricht davon, daß Jesus sich im Tempel befinde, sie bekamen Vorwürfe, daß sie Jesum nicht gleich gefangen mitgebracht hatten, sie entschuldigten sich damit, daß sie noch niemand so haben sprechen hören, und es nicht gewagt haben, ihn zu paken – Die Pharisäer sagten ihnen darauf: Wie ? es scheint, auch euch habe er verführt, seht ihr denn, daß ein Mitglied des Raths oder ein Pharisäer etwas auf ihn hält ? nur der unserer Geseze unkundige Pöbel, läst sich von ihm taüschen – Als Nikodemus, der Jesum einst bei Nacht besucht hatte, ihnen vorstellte, daß man nach den Gesezen niemand verdammen könne, ohne ihn vorher gehört, und von
