Das Leben Jesu (1795)

[S. 258]

|258| diesem ihnen gemachten Vorwurf gegeben hatten, würden die Hände gleich an Jesum gelegt haben, wenn sie es wegen des Volks gewagt hätten.

[Joh. 12,20-] Einige griechische Juden, die auch aufs Fest gekommen waren, wünschten Jesum zu sprechen, und wandten sich daher an einige von den Freunden Jesu um sich von Jesu, wie es scheint, eine PrivatUnterredung auszubitten – Jesus bezeugte, wie es scheint, keine Lust dazu, weil er dachte, sie bringen die gewöhnlichen jüdischen Messiasideen mit, und wollten sich ihm, als dem zukünftigen König und Herrscher der Juden, zum voraus empfehlen; in Beziehung hierauf sagte er bei dieser Gelegenheit zu seinen Jüngern: – Diese Menschen irren sich, wenn sie mir den Ehrgeiz zutrauen, mich zu einem Messias aufwerfen zu wollen, wie sie einen erwarten, wenn sie glauben, ich verlange, daß sie mir dienen sollen, oder ich finde mich dadurch geschmeichelt, wenn sie sich anerbieten, mein Gefolge vermehren zu wollen. Wenn sie dem heiligen Geseze ihrer Vernunft gehorchen, so sind wir Brüder, so sind wir von Einer Gesellschaft – Wenn sie Macht und Ruhm für meinen Zwek halten, so verkennen sie die erhabene Bestimmung des Menschen, oder glauben ich verkenne sie. Wie ein Saatkorn, das in die Erde gelegt wird, erst abstirbt, daß sein Keim zu einem Halm aufschiesse – so verlange auch ich nicht, die Früchte von dem zu erleben, was der Zwek meiner Arbeit war, – so hat auch mein Geist in der Hülle dieses Körpers seine Bestimmung nicht vollendet – Um dieses Leben zu erhalten, sollte ich dem ungetreu werden, was ich als Pflicht erkenne; ich sehe es mit Betrübnis, wohin die Anschläge der Regenten dieses Volkes gehen, sie wollen mir das Leben nehmen, aber sollte ich darum wünschen, oder Gott bitten: Vater entreisse mich dieser Gefahr! Nein mein Bestreben, die Menschen zum wahren Dienste der Gottheit, zur Tugend, zu rufen, hat mich in diese Lage gebracht, und ich bin bereit, mich jeder Folge, die daraus entspringen mag, zu unterwerfen – Widerspricht diß wieder euren Erwartungen, daß der Messias, auf den ihr hoft nicht sterben werde – so ist euch das Leben für sich so etwas grosses, und der Tod so etwas fürchterliches, daß ihr diesen an einem Menschen nicht reimen könnt, der eure Achtung verdienen sollte! Verlange ich denn aber Achtung für meine Person ? oder Glauben an mich ? oder will ich einen Maasstaab, den Werth der Menschen zu schäzen, und sie zu richten, als eine Erfindung von mir euch aufdringen? Nein, Achtung für euch selbst, Glauben an das heilige Gesez eurer Vernunft, und Aufmerksamkeit auf den innern Richter in

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