Das Leben Jesu (1795)

[S. 234]

|234| zu theil geworden sey – diß macht euch die selbsüchtige Eingeschränktheit eurer Köpfe zu wähnen – Ich halte mich allein an die unverfälschte Stimme meines Herzens und Gewissens – wer aufrichtig dieser horcht, dem leuchtet aus ihr Wahrheit entgegen – auf diese Stimme zu hören, fodre ich allein von meinen Schülern – dieses innerliche Gesez ist ein Gesez der Freiheit, dem sich als von ihm selbst gegeben, der Mensch freiwillig unterwirft11) – ihr seid Sklaven, denn ihr steht unter dem Joche eines Gesezes, das euch von aussenher aufgelegt ist, und darum nicht die Macht hat, euch durch Achtung für euch selbst dem Dienste der Neigungen zu entreissen

11) Am Rande: es ist ewig, in ihm liegt das Gefühl der Unsterblichkeit – für die Pflicht, die Menschen damit bekannt zu machen, bin ich bereit wie ein treuer [Hirt] für seine Heerde, das Leben zu laßen – ihr mögt mir es nehmen, so raubt ihr es mir nicht, sondern frei opfre ich es selbst auf.

[Luc. 9,21.] Die Aufnahme, die Jesus in Jerusalem gefunden hatte, die Stimmung der Juden, und besonders der Priesterschaft gegen ihn, welche den Beschluß abgefast hatten [Joh. 9.] diejenigen in Bann zu thun, diejenigen aus der Theilnehmung am Gottesdienst und am öffentlichen Unterricht auszuschließen, die Jesum für den Messias, den die Juden erwarteten, halten würden – wofür er sich nie öffentlich ausgegeben hatte – diese feindseelige Stimmung gab ihm ein Vorgefühl von Gewaltthätigkeiten12), die er noch werde zu erdulden haben – und [er] theilte diese Gedanken auch seinen Jüngern mit – Wir wollen doch nicht hoffen, sagte Petrus, da sei Gott für! – Wie, antwortete Jesus, bist du schwach genug, nicht darauf bereitet zu seyn, oder etwa mich nicht darauf bereitet zu glauben ? wie sinnlich denkst du noch, du kennst die göttliche Kraft noch nicht, die die Achtung für Pflicht gibt, ihr zuliebe die Foderungen der Neigungen und selbst die Liebe zum Leben zu besiegen! Dann wandte er sich zu den übrigen Jüngern: Wer der Tugend folgen will, muß sich Verleugnungen aufzulegen wissen, wer ihr unverrükt getreu bleiben will, muß ihr selbst sein Leben aufzuopfern bereit seyn — wer sein Leben lieb hat, wird seine Seele entadeln — wer es verachtet,

12) Über der Zeile: vielleicht den Tod

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