Das Leben Jesu (1795)

[S. 264]

|264| als einen fremden, oder krank oder im Gefängnis, daß wir dich bekleidet, aufgenommen oder besucht hätten? Der König aber antwortet ihnen: Was ihr einem der geringsten meiner und eurer Brüder thatet, das belohne ich, als mir erwiesen – Zu den andern aber wird er sprechen, entfernt euch und empfangt den Lohn eurer Thaten, wenn ich hungerte oder dürstete, speistet, tränktet [ihr] mich nicht, wenn ich nakt, oder krank oder im Gefängnis war, nahmt ihr euch meiner nicht an; diese werden ihn auch fragen, wo sahen wir dich hungrig oder durstig, oder nakt oder krank oder im Gefängnis, daß wir dir einen Dienst hätten erweisen können; der König wird ihnen die gleiche Antwort geben; was ihr dem geringsten nicht gethan habt, das vergelte ich, als hättet ihr es mir nicht gethan – So spricht auch der Richter der Welt das Urtheil der Verwerfung denen, die die Gottheit nur mit den Lippen und andächtigen Minen, nicht in ihrem Bilde, in der Menschheit ehren.

Des Tags über pflegte Jesus sich in den Gebaüden und Höfen des Tempels, und des Nachts ausserhalb der Stadt bei dem OlivenBerge aufzuhalten. Der hohe Rath wagte es nicht, seinen Schluß Jesum gefangen zu nehmen öffentlich auszuführen, nichts kam ihnen daher erwünschter, als das Anerbieten des Judas, eines der 12 vertrautem Freunde Jesu, ihnen für eine Summe Gelds den Nachtaufenthalt Jesu zu verrathen, und ihnen behülflich zu seyn, ihn da heimlich gefangen zu nehmen – Habsucht scheint die Hauptleidenschaft des Judas gewesen zu seyn, die durch seinen Umgang mit Jesu nicht einer bessern Gesinnung Plaz gemacht hatte, und die wohl sein ursprünglicher Grund, Jesu Anhänger zu werden gewesen seyn mochte, indem er sie befriedigen zu können hofte, wenn Jesus sein MessiasReich aufgerichtet haben würde – da Judas anzusehen anfmg, daß ein solches Reich nicht der Zwek Jesu sey, und daß er sich in seiner Hofnung betrogen habe, so suchte er aus seiner Freundschaft mit Jesu durch Verrätherei an derselben noch den gröstmöglichsten Nuzen zu ziehen.

Jesus lies nach Gewohnheit der Juden, in Jerusalem ein Passahmahl, wobei ein Schaaf das vorzüglichste Gerichte war, zubereiten; es war der lezte Abend, den er mit

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