Das Leben Jesu (1795)

[S. 269]

|269| [Luc. 22,39] Nach diesen Gesprächen stund die Gesellschaft auf, verlies Jerusalem (die Nacht [c.l. parall.] war izt angebrochen) wie gewöhnlich, ging über den Bach Kedron, nach einem Meyerhofe, Namens Gethsemane, in der Gegend des Oelbergs. Dieser Ort des nächtlichen Aufenthalts Jesu war auch dem Judas bekannt, weil er oft mit Jesu dort gewesen war – Er hieß seine Jünger beisammen bleiben, und er selbst ging mit dreyen an einen abgelegenern Ort, um sich seinen Gedanken zu überlassen – Hier tratt die Natur auf einige Zeit in ihre Rechte ein, der Gedanke der Verrätherei seines Freundes, der Ungerechtigkeit seiner Feinde, und der Härte seines bevorstehenden Schiksals bemächtigte sich des Jesus hier in der Einsamkeit der Nacht, erschütterte ihn, und erfüllte ihn mit Angst – er bat seine Jünger bei ihm zu bleiben und mit ihm zu wachen – ging unruhig hin und her, sprach bald einiges mit ihnen, ermunterte sie wieder, wenn sie in Schlaf gefallen waren, ging von Zeit zu Zeit auf die Seite und betete einigemal: Mein Vater, laß wenn es möglich sei, den bittern Kelch des Leidens, der mir bevorsteht, bei mir vorübergehen! doch nicht mein Wille, sondern dein Wille geschehe – wenn es nicht seyn soll daß ich dieser Stunde überhoben sei, so ergebe ich mich in deinen Willen – Der Schweiß lief ihm in grossen Tropfen herunter – Als er wieder einmal bei seinen Jüngern stand, und ihnen zuredete, zu wachen, so vernahm er das kommen von Menschen; wachet auf, last uns gehen, rief er zu seinen Jüngern, mein Verräther nahet!

Judas näherte sich izt mit bewaffneten, und Fakeln; Jesus hatte wieder seine Standhaftigkeit gesammelt, ging ihnen entgegen, wen suchet ihr, fragte er, sie sagten, Jesum den Nazaräer; ich bins, antwortete Jesus; sie waren verlegen, ob sie am rechten seyen – er fragte sie noch einmal, und erwiederte das gleiche mit dem Zusaz, wenn ihr mich sucht, so last diese meine Freunde, verschont – Izt nahte sich Judas, und gab seinen Begleitern das Zeichen, das er mit ihnen verabredet hatte, um ihnen Jesum kenntlich zu machen – er sagte nemlich: Sey gegrüst, Lehrer; und umarmte ihn dabei; Jesus erwiederte noch: Freund, mit einem Kuße verräthst du mich ? ward dann von den Soldaten ergriffen; als Petrus diß sah, zog er sein Schwert, schlug darein, und hieb einem Knechte des Hohenpriesters das Ohr ab; Jesus verwieß ihn zur

Seiten: 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 25 26 27 28 29 30 31 32 33 34 35 36 37 38 39 40 41 42 43 44 45 46 47 48 49 50 51 52 53 54 55 56 57 58 59 60 61 62 63 64 65 66 67 68 69 70 71 72