Das Leben Jesu (1795)

[S. 263]

|263| frei von Sektengeist sowohl als immer aufrecht und muthvoll erhalten. Unter diesen Spaltungen gründe sich eure Ruhe, euer Muth auf unverfälschte Tugend, seid wachsam daß nicht eine falsche, träge Beruhigung sich in euer Herz einschleiche, die sich auf Anhänglichkeit an Glaubensformeln, auf Lippendienst, und pünktliche [Matth. 25.] Beobachtung der Ceremonien einer Kirche gründet; Es würde dem ähnlich seyn, wie wenn 10 Jungfrauen den Braütigam mit Lampen erwarten, der die Braut heimführt; wovon 5 sich klüglich mit Oel versahen, 5 aber thörigt diß vernachlässigten; nach langem Warten kommt endlich, spät in der Nacht der Braütigam, sie wollen ihm entgegen; die 5, die kein Oel hatten, – wollten in der Eile fort, um sich noch zu kaufen, – die andern konnten ihnen nicht leihen, weil sie gerade für sich genug hatten, in ihrer Abwesenheit kommt indeß der Braütigam an, die 5 klugen begleiteten ihn ins Haus zum Hochzeitsmahle, die andern, die auf die Einladung sich verliessen, aber von ihrer Seite an dem wesentlichen es fehlen liessen, aber wurden ausgeschloßen – So glaubet auch ihr es nicht hinreichend, einen Glauben ergriffen zu haben, wenn ihr es am nothwendigsten, an der Übung der Tugend fehlen last, und dann etwa in derNoth oder beim Herannahen des Todes noch geschwind einige gute Grundsäze zusammenraffen, oder mit fremdem Verdienst, woran jeder für sich genug hat, und andern nichts zukommen lassen kan, euch auszuschmüken gedächtet – ihr würdet mit eurem Kirchenglauben allein, und der Vertröstung auf fremdes Verdienst vor dem heiligen Richter der Welt nicht bestehen. Ich vergleiche sein Gericht mit dem Gerichte eines Königes, der seine Völker versammelt, und wie ein Hirte die Böke von den Lämmern, die Guten von den Bösen sondert; zu jenen spricht er, nähert euch mir, ihr meine Freunde, geniesset des Glüks, dessen ihr euch würdig gemacht habt; denn ich hungerte und ihr gabt mir zu essen, ich litt Durst, und ihr tränktet mich; wenn ich als fremder unter euch war, so nahmt ihr mich auf; wenn ich nakt war, kleidetet ihr mich, wenn ich krank war, pflegtet ihr mich, im Gefängnis besuchtet ihr mich – Sie werden voll Verwunderung fragen: Herr wann sahen wir dich hungrig, oder durstig, daß wir dich gesättigt hätten, oder nakt oder

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