Das Leben Jesu (1795)

[S. 207]

Hegels Manuskript aus Bern, datiert „den 9 May 95.“ und „den 24 Jul. 95.“, zu Lebzeiten nicht veröffentlicht; den Titel haben die Herausgeber gegeben. Text nach den Gesammelten Werken, Bd. 1 („Frühe Schriften I“, 1989), Text 31, S. 207–278. Hegels Schreibung („Gesez“, „izt“, „seyn“) ist beibehalten. Die Stellenangaben in eckigen Klammern, etwa [Joh. 1.], notiert Hegel am Rand; seine Randbemerkungen stehen als Anmerkungen. Nicht übernommen sind der textkritische Apparat mit Hegels Streichungen und Sofortkorrekturen sowie die erste Niederschrift der Seiten 260–263. Der Text ist maschinell aus dem Satz des Bandes gewonnen und Seite für Seite gegen eine zweite, unabhängige Texterkennung abgeglichen; ein vereinzelter Lesefehler ist dennoch nicht ausgeschlossen.

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Die Zahlen zwischen senkrechten Strichen, etwa |93|, markieren den Beginn einer Seite der gedruckten Ausgabe; so findet man die Stelle im eigenen Buch wieder.

Querverweis: Der junge Hegel erzählt die Evangelien als Lehre eines Tugendlehrers im Geist der Kantischen Moral. Wie der späte Hegel diese Moral beurteilt, steht in den Grundlinien in der Anmerkung zu § 135 (Kritik des „leeren Formalismus“) und in § 140. Aus derselben Zeit stammt das älteste Systemprogramm des deutschen Idealismus. Fortsetzung des Gedankengangs: Die Positivität der christlichen Religion.

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den 9 May 95. [Joh. 1.] Die reine aller Schranken unfähige Vernunft ist die Gottheit selbst – Nach Vernunft ist also der Plan der Welt überhaubt geordnet; oft ist sie zwar verfinstert, aber doch nie ganz ausgelöscht worden, selbst in der Finsterniß hat sich immer ein schwacher Schimmer derselben erhalten –

Unter den Juden war es Johannes, der die Menschen wieder auf diese ihre Würde aufmerksam machte – die ihnen nichts fremdes sein sollte, sondern die [sie] in sich selbst, ihrem wahren Selbst, nicht in der Abstammung, nicht in dem Triebe nach Glükseeligkeit, nicht darin suchen sollten, Diener eines großgeachteten Mannes zu seyn, sondern in der Ausbildung des göttlichen Funkens der ihnen zu theil geworden ist, der ihnen das Zeugnis gibt, daß sie in einem erhabnern Sinne von der Gottheit selbst abstammen – Ausbildung der Vernunft ist die einzige Quelle der Wahrheit, und der Beruhigung, die Johannes etwa nicht ausschliessend, oder als eine Seltenheit zu besizen vorgab, sondern die alle Menschen in sich selbst aufschliessen können –

Mehr Verdienste aber um die Besserung der verdorbenen Maximen der Menschen [Matth. 1.2.] und um die Erkenntniß der ächten Moralität und der gelaüterten Verehrung Gottes hat sich Christus erworben.

Der Ort, wo er gebohren wurde, war ein Dorf Bethlehem in Judäa; seine Eltern Joseph und Maria1), wovon jener sein Geschlecht von David ableitete, nach Art der

1) Am Rande: die sonst in Nazareth in Galiläa ansässig waren, aber nach Bethlehem dem Stammort der Familie Josephs reisen musten, um sich dort in die Liste, die von der jüdischen Volksmenge auf einen Befehl Augusts gemacht wurde, einschreiben zu lassen – der Grund soll gewesen seyn

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