Das Leben Jesu (1795)

[S. 210]

|210| eines Menschen zu seyn, über Millionen zu gebieten, die halbe Welt von sich reden zu machen, tausende von seinem Willen, von seinen Launen abhängig zu sehen, – oder in fröhlichem Genusse der Befriedigung seiner Wünsche zu leben – alles was die Eitelkeit oder die Sinne reizen kan – Als er aber weiter über die Bedingungen nachdachte, unter welchen diß alles nur erworben [werden] kan, selbst wenn man dessen Besiz nur zum Wohl der Menschheit gebrauchen wollte, nemlich4) seiner höhern Würde zu vergessen, der Selbstachtung zu entsagen, so verwarf er ohne sich zu bedenken den Gedanken jene Wünsche je zu den seinigen zu machen, entschlossen, dem ewig getreu zu bleiben, was unauslöschlich in seinem Herzen geschrieben stand, allein das ewige Gesez der Sittlichkeit, und den zu verehren, dessen heiliger Wille unfähig ist, von etwas anderm affizirt zu werden, als von jenem Gesez.

4) Am Rande ohne eindeutige Zuordnung: sich unter seine und fremde Leidenschaften zu erniedrigen

In seinem dreysigsten Jahre erst trat [Jesus] selbst öffentlich als Lehrer auf, sein Vortrag scheint im Anfang mehr auf einzelne eingeschränkt gewesen zu seyn, bald [Joh. 1,35-51.] gesellten sich theils durch den Geschmak, den sie an seiner Lehre fanden, theils auf seinen Zuruf [Jünger zu ihm], von denen er meist überall begleitet wurde, und aus denen er durch sein Beispiel, und seine Belehrungen den eingeschränkten Geist jüdischer Vorurtheile und Nationalstolzes zu vertreiben, und sie mit seinem Geiste, der nur in Tugend, die nicht an eine besondere Nation, oder positive Einrichtungen gebunden ist, einen Werth sezte [zu erfüllen suchte] – Der gewöhnliche Ort, wo er sich aufhielt, war Galilea, und (darin) Capernaum, – von da aus machte er gewöhnlich an den hohen Festen der Juden, besonders am jährlichen Osterfest eine Reise nach Jerusalem.

[Joh. 2,12 ss.] Das erstemal daß er nach Jerusalem kam, seitdem er öffentlich als Lehrer auftratt, machte er durch eine auffallende Begebenheit viel Aufsehen – Als er in den Tempel tratt, wohin alle Bewohner Judäas zusammenströmten, wo sie in gemeinschaftlicher Anbetung der Gottheit sich über die kleinen Interessen des Lebens erhoben, und sich

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