Das Leben Jesu (1795)

[S. 266]

|266| – Warum, antwortete [Petrus,] sollte ich dir nicht folgen können ? ich bin bereit, es mit Gefahr meines Lebens zu thun! – Dein Leben willt du mir auf opfern? sagte Jesus, ich kenne dich zu gut, daß du dafür noch nicht Stärke genug hast – eh es wieder Morgen wird, kannst du darüber auf die Probe gesezt werden. Werdet nicht bestürzt darüber, daß ich von euch getrennt werde – ehret den Geist16), der in euch wohnt, hört auf seine unverfälschte Stimme, so sind zwar unsere Personen verschieden und getrennt, aber unser Wesen ist eins – und wir sind einander nicht fern. Bisher war ich euer Lehrer, und meine Gegenwart leitete eure Handlungen; da ich euch verlasse, so lasse ich euch nicht als Waisen zurük; ich hinterlasse euch einen Führer in euch selbst; den Saamen des Guten, den die Vernunft in euch legte, hab’ ich in euch aufgewekt, und das Andenken an meine Lehren, und an meine Liebe zu euch [wird] diesen Geist der Wahrheit und der Tugend in euch aufrecht erhalten, dem die Menschen nur deswegen nicht huldigen, weil sie ihn nicht kennen, und nicht in sich selbst suchen – ihr seid Männer geworden, die ohne fremdes Gängelband sich endlich selbst anzuvertrauen sind – wenn auch ich nicht mehr bei euch bin, so sei von nun eure entwikelte Sittlichkeit euer Wegweiser; Ehret mein Andenken, meine Liebe zu euch dadurch, daß ihr den Weg der Rechtschaffenheit verfolgt, auf den ich euch geleitet habe – der heilige Geist der Tugend wird euch vor Fehltritten bewahren – euch noch vollständiger das lehren, für was ihr izt noch nicht empfänglich wart, und euch Vieles ins Gedächtnis zurükrufen, und ihm Bedeutung geben, was ihr noch nicht verstundet. Ich hinterlasse euch meinen Seegen, nicht den Gruß, der bedeutungslos gegeben wird, sondern der reich an Früchten des Guten sei – Daß ich euch verlasse, ist selbst für euch besser, denn nur durch eigne Erfahrung und Übung werdet ihr Selbstständigkeit bekommen, und lernen euch selbst zu führen – daß ich von euch gehe, soll euch nicht mit Betrübnis sondern mit Freude erfüllen, denn ich trette eine höhere Laufbahn in bessern Welten an, wo der Geist schrankenloser sich zum Urquell alles Guten emporschwingt, und in seine Heimath, in das Reich der Unendlichkeit, eintritt.

16) Am Rande: durch ihn lernt ihr den Willen der Gottheit kennen, durch ihn seid ihr mit ihr verwandt, ihres Geschlechtes, nur in ihm ist euch der Weg zu ihr und zur Wahrheit aufgeschlossen

Mit Verlangen habe ich dem Genuß dieses Mahles in eurer Gesellschaft entgegengesehen – laßt die Speisen und den Becher herumgehen – last uns hier den Bund der Freundschaft erneuern – und dann theilte er nach der Sitte der Morgenländer

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